Ein grosser Traum - Eine Weltreise mit dem Velo

Ying-Yang(22.09.2011)

Land: Gansu/Tibetisches Plateau Qinghai China

 

Ying Yang
Auf dem Weg aus der Stadt am anderen Morgen begegnet uns Feng-Shui. Natürlich heisst der Veloreisende nicht so, sondern hat einen komplizierten Chinesischen Namen den ich mir nicht merken kann. Der junge Mann hat eine natürliche, friedliche Ausstrahlung und obwohl wir uns kaum verständigen können kommunizieren wir ein Weilchen mit Gestikulieren. Er ist mit seinem alten 1-Gang Damenvelo schon 23`000km in China herum gestrampelt, von Beijing nach Shanghai, über Hong-Kong, Jiangmen und Kunming nach Lhasa, Kashgar nach Urumqi und ist jetzt auf dem Heimweg, nach Beijing. Der junge Chinese reist ganz anders als wir, er hat keine wasserdichten Klick-Taschen, keinen Velo-Computer,(er addiert die Kilometerangaben der Strassenschildern) keine Regenkleider, keine Thermosflasche, keine Windjacke und ist mit seiner einfachen Ausrüstung schon so weit gekommen. Menschen wie mein „Feng-Shui“ sind für uns wahre Helden und ihm begegnet zu sein ist für uns eine wahre Bereicherung.
Es rollt ganz gut an diesem Morgen, auf der Autobahn fahren wir zwar nicht ganz legal, doch dort gibt es einen breiten Seitenstreifen auf dem wir uns wohl fühlen. Um ein grosses Stück Richtung Osten vorwärts zu kommen gehen wir das Risiko, erwischt zu werden ein. Niemand stoppt uns am Schrankenhäuschen und somit ist für uns die Bahn neben der doppelspurigen Fahrbahn frei. Wir sausen dank des Rückenwindes mit 35-40Km/h über den flachen Asphalt und geniessen die weite Sicht in die Wüste der Inneren Mongolei. Rechter Hand steht eine stattliche verschneite Bergkulisse die wir natürlich genauso bewundern. Doch die Berge nur so von weitem anschauen ist ja nicht so unser Ding, nein, wir wollen dort morgen hinauf strampeln und die fantastische Bergwelt hautnah spüren. Am Fusse der Berge campieren wir in der Wüste, sonnen uns ein Weilchen und staunen über die zarten Farben in der Abendsonne, bis uns der kalte Nebel in das Zelt treibt.
Hitze und Eiskälte
Munter, motiviert und mit viel Kraft in den Waden geht’s dann am anderen Tag auf 2700 Meter. Es ist heiss und die Schweisstropfen rinnen vor allem in den ersten Stunden. Die Strasse ist neu asphaltiert und wir sind ausser ein paar Schaf-und Yak-Herden fast alleine auf dem Weg. Gegen Abend verdunkelt sich der Himmel, ein kalter Wind pfeift uns um die Ohren sodass wir schnell einen windgeschützten Platz für das Zelt suchen. Der erste Tropfen fällt kurz nachdem unser Nachtlager steht, drinnen kocht Jörg eine feine Minestrone und mit dem Klopfen der Regentropfen schlafen wir bald ein. Nicht schlecht staunen tun wir am anderen Morgen, auf dem Zeltdach liegt 5 cm Schnee, der Himmel grau-schwarz verhangen, es schneit dicke Flocken und die Plane hängt ziemlich durch. Ich als „Zeltmeister“ muss raus um das Dach vom schweren Schnee zu räumen bevor es von der Last zusammen fällt.. Es „gugschäd“ und es ist eiskalt, meine Finger tun mir vor Kälte weh. Schnell verziehe ich mich verrichteter Dinge in den warmen Schlafsack zurück.
Einige Stunden später hellt der Himmel etwas auf, wir packen zusammen und rollen im Regen ins Dorf Sunan. Auf Empfehlung einer netten Chinesin die sich um uns sorgt suchen wir ein Restaurant mitten im Dorf auf und gehen dort essen. Während wir gegrilltes, zartes Lammfleisch, Broccoli, Zucchetti, Rüebli und Reis speisen, trocknet unser Zelt draussen auf dem Balkon an der Luft. Erst gegen Abend verändert sich die Farbe des Himmels, doch Jörg hat keine Lust weiter zu fahren und biegt „schnurstraks“ Richtung Hotel ab. Eine heisse Dusche, Internetverbindung und ein TV sind für uns schon richtige Luxusartikel und diese geniessen wir an diesem Abend richtig. Später schlafen wir herrlich warm gebettet in weissen Leintüchern.
Der Morgen strahlt umso mehr, die Firne beleuchtet vom zarten Sonnenlicht locken uns schon früh aus den Federn. Durch eine wunderschöne farbenprächtige Flusslandschaft mit Nadelwald geht’s heute mit moderater Steigung auf 3200 Meter hoch. Immer wieder erhaschen wir einen Blick auf verschneite Gipfel, der tiefblaue Himmel gibt einen krassen Kontrast zum rot-braunen Sandsteinfels. Zwischen Yak-Herde und sprudelnden Bergbach steht heute Nacht unser Zelt, eingebettet zwischen einigen Riesen die über 4000 Meter hoch sind.
Mit der aufgehenden Sonne bekommen wir Besuch, die Yak`s kommen nahe zum Zelt und deuten mit ihrem „murren“ den „Tag-wach“ an. Gerne stehen wir an diesem klaren Morgen auf und geniessen das reichhaltige Frühstück während die Sonnenstrahlen unser Zelt von den Tautropfen befreit. Bald sitzen wir im Sattel und kurbeln die schmale Bergstrasse hoch. Die Steigung bleibt moderat, der ewige Schnee kommt aber immer näher und es wird kühler. Langgezogene Kurven schlängeln sich immer wieder um Felsvorsprünge, die Sicht wird immer spektakulärer. Lastwagen mit Kohle beladen kreuzen ächzend und knatternd unseren Weg und und die Fahrer grüssen freundlich aus der Kabine. Nach dem Mittag erreichen wir dann gemütlich die Passhöhe von 4200 Meter, die Aussicht ist leider nicht mehr so klar und da ist`s aber ganz schön zügig! Schnell ziehen wir warme Sachen an und da beginnt es auch schon zu schneien. Erst sind es nur einzelne Flocken, dann folgt ein ziemlich starker Schnee-Eisregen und die Kristalle tun mir weh wie Nadelstiche im Gesicht. Kein Haus, kein Baum zum unterstehen also holpern wir weiter in den immer schwärzer werdenden Himmel. Die Yak`s, asiatische Hochlandrinder stehen am Strassenrand und schauen uns verdutzt nach. „Ja, die haben es gut mit ihrem dicken Fell, die frieren nicht so schnell!“ denke ich und schlottere weiter. Erst unten in der Talsohle entdecken wir ein verlassenes Haus, die Fenster eingeschlagen, die Türe wohl längst als Brennholz gebraucht. Wir räumen den gröbsten Abfall weg und platzieren unser Zelt in einem der leeren Räume. Vom Wind und Schneesturm geschützt gibt es erst „Chinese Noudle-soupe“ und anschliessend schlafen wir herrlich unten dem Dach.
Nebel und Sonnenschein
Im dichten Nebel rollen wir am anderen Tag nach Yeniugou, die Finger tun mir wieder weh vor Kälte und unsere Nasen sind ganz rot. Fast durchgefroren kommen wir im kleinen Dorf an und stürmen gleich den ersten Laden, denn unser Frühstück war etwas mager. Im Laufe des Morgens putzt die Sonne den Nebel weg und eine herrliche Berglandschaft mit weissen Kappen öffnet sich. Der Frust wegen dem Frost ist schnell vergessen und los geht es ins nächste Seitental auf Holperpiste in ein für Touristen geschlossenes Gebiet , nur das wissen wir derzeit nicht. Die Strasse schlängelt sich erst durch ein enges Flusstal, teilweise ist der Naturweg vom Wasser weggespült oder überflutet und das Vorwärtskommen ist nicht nur für uns mühsam. Lastwagen beladen mit Steinkohle arbeiten sich durch die schmale Schlucht, stampfen durch den Morast und hinterlassen tiefe Furchen auf der Fahrbahn. Glücklich darüber dass uns Petrus gutgesinnt ist sind wir frohen Mutes und stampfen bis in den Abend kräftig in die Pedalen. Von unserem heutigen Zeltplatz aus können wir den Fortlauf der Strasse sehen auf der wir uns befinden und die geht da ganz schön in die Höhe. Das sparen wir uns aber lieber auf Morgen. In der Abendsonne schmunzeln wir ein bisschen mit dem Bauer auf dessen Weide wir campieren dürfen, eine richtige Unterhaltung ist wegen unserer unterschiedlichen Sprachen nicht möglich.
Eiskristalle und Schweisstropfen
Früh weckt uns die Sonne, die Ostseite des Zeltes ist schon schön warm während die andere steif gefroren ist. Während wir Frühstücken erledigt das Auftauen die Sonne für uns und zeitig strampeln wir den holperigen und teil morastigen Natur Weg hoch. Menschen begegnen uns nur ganz wenige und diejenigen schauen uns etwas komisch an. Immer wenn wir denken auf dem Pass oben zu sein, öffnet sich ein weiteres Tal mit einer weissen Schlangenlinie und immer weiter geht’s Richtung blauen Himmel hinauf. Endlich oben auf 4200 Meter angekommen breitet sich eine riesige Hochebene aus und die Strasse zieht erst am Rande dieses eher nassen Hochmoores vorbei. Die Farben sind wunderschön, grüne Graslandschaft und kleine Seen und Tümpel spiegeln das blau vom Himmel. Glasklare Bäche sprudeln munter und wenn nicht gerade einer der vielen Steinkohle-Lastwagen vorbei donnert, hört man die Vögel singen. In weiter Ferne am Ende der Hochebene sehe ich die Kiesstrasse am Horizont verschwinden und habe so eine Vorahnung, die sich ein paar Stunden später bewahrheitet. Es geht erst hinunter in ein weites Tal, dann gleich wieder hoch auf über 4000 Meter, dann hinunter zum Fluss, dem es letzthin die Brücke davon geschwemmt hat. Durchs Wasser watend erreichen wir das andere Ufer und wieder geht’s bergaufwärts auf sandiger Piste. Lastwagen donnern laut hupend an uns vorbei und verstauben die schon vom Sandsturm schlechte Sicht total. Ich will schon kapitulieren, fluche innerlich und kriege fast eine Krise, dann geht’s endlich bergab in ein weites Tal mit schwarzen Bergen. Durchgefroren, hungrig und total staubig sind wir auf der Suche nach einem Platz für das Zelt, kaum ein Quadratmeter ist flach hier und die Wiesen sind ziemlich durchnässt. Dann hören wir in der Nähe einen lauten Knall, noch einen und eine Dritten, die Detonationen grollen durch das ganze Tal und dicke Staubwolken steigen in den Himmel hinauf. Nachdem sich der Staub etwas verzogen hat eröffnet sich vor unserer Augen eine riesige Kohlenmiene die sich über eine Fläche von 10 km/q ausbreitet. Erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit finden wir ein Plätzli zum Campieren, es ist jetzt 3° kalt, wir befinden uns auf 4195M.ü,M und da wird es wohl noch kälter werden heute Nacht.
Und es wurde kalt, immer wieder erwache ich und spüre meinen Kreislauf pumpen wie verrückt um etwas Wärme zu erzeugen. Das Thermometer sinkt in dieser Nacht auf -18°, der Wind heult unter der Aussenzeltwand durch und an der Innenzeltwand bildet sich eine dicke Eisschicht. Als es endlich Tag wird, sind wir beide steifgefroren und nun beginnt der Wind erneut aufzuheulen. Alles was nicht nagelfest ist, fliegt weg. Schneeflocken und Sandkörner wirbeln durch die Luft, ich kann kaum atmen und sehen tun wir beide überhaupt nichts. Schnell springen wir unseren Sachen nach die der Wind mitnehmen will. Erst nach längerer Zeit sind wir startbereit und rollen in das kleine Dorf Muri in der Hoffnung auf ein Restaurant mit warmem Ofen. Das Dorf besteht aber nur aus drei Baracken, vielen Abfallhaufen, einem Sendeturm und einem modernen Bau, der Rest des Dorfes liegt unterhalb im Tal und ist vom Sand-Staub-Schneegestöber ausser Sicht. Wir fragen einen Wachmann des modernen Gebäudes nach dem Weg nach Yangkang und der zeigt nur in das vom Sturm verdeckte Tal. Also los geht’s, obwohl wir beide bei den Wetterbedingungen nicht richtig motiviert sind, frieren tun wir ja jetzt schon. Wir holpern die Strasse hinunter, zahlreiche Lastwagen mit Steinkohle beladen kommen uns entgegen oder überholen, was uns jedesmal in eine Staub-Sand-Schneewolke einhüllt. Bis zur Tankstelle kommen wir und von da an ist die Strasse wirklich übel schlecht. Dazu kommt, dass wir vor lauter Staub nichts sehen können und die Lastwagenfahrer uns natürlich auch nicht. Das Velofahren auf dieser Strasse mit den Wetter-Konditionen schätzen wir als Lebensgefährlich ein. Wir fragen noch einmal nach, ob wir wirklich auf dem richtigen Weg sind, die Männer nicken und schütteln gleichzeitig den Kopf, schauen uns ganz unglaublich an. Wir stehen etwas ratlos herum, versuchen mit unserem kleinen Englisch-chinese Lexikon zu kommunizieren. Einer der Männer gibt Jörg nach einer Weile sein Telefon in die Hand, am anderen Ende seine Schwester die Englisch spricht. Jörg erklärt der Frau was wir im Sinn haben und fragt sie nochmals nach dem Weg. Sie meint aber direkt, es gäbe um 16Uhr einen Bus für die Mienenarbeiter von Muri nach Xining, der würde auch in Yangkang halten. Wir bedanken uns für ihren Tipp und fragen auch nach der Bushaltestelle, die sie allerdings nicht genau beschreiben kann. Ihr Bruder werde uns dorthin führen, sagt sie und verabschiedet sich am Telefon. Wir folgen dem jungen Mann auf dem Motorrad und kommen in den östlichen Teil des schmutzigen Minendorfes. Die Leute sind sehr nett, geben uns Ratschläge, lachen und zeigen nach dem Weg in alle Richtungen oder erzählen uns einfach irgendetwas. Ein jeder will uns helfen, doch wir verstehen kein Wort und niemand versteht uns. Immer wieder werden wir fotografiert, mit der jungen Chinesin mit dem Bärenpullover, mit dem alten Mann der sich in eine Wolldecke gewickelt hat, oder mit dem Kind dem die gelbe-grüne „Schnuddernase“ über das Kinn rinnt.
Irgendwann kommen zwei junge Chinesen in Komatsu -Überhosen auf uns zu und der eine fragt in gut verständlichem Englisch ob er uns helfen kann. Wir erzählen ihm von unserer Situation und er erklärt sich bereit, uns die Bushaltestelle zu zeigen. Die beiden Männer wackeln vor uns her und wir schieben die Velos wieder den Hügel hinauf, von wo wir am Morgen gekommen sind. Der Bus halte vor dem modernen Gebäude, wir sollen spätestens um 3Uhr parat sein, raten die beiden Männer und verschwinden wieder in Richtung Tal.
Erst Einladung zum Essen, dann Deportation
In der Eingangshalle des modernen Hauses ist es angenehm warm und wir finden bequeme Stühle, sogar ein Sofa auf dem wir uns, nachdem wir den Wachmann gefragt haben, erleichtert niederlassen. Bald darauf schart sich eine Gruppe chinesische Geschäftsleute, Wach- und Polizeimänner fragend um uns herum. Wir verstehen wieder nichts und entschuldigen uns dafür. Dann wird Jörg wieder ein Telefon hingehalten, am anderen Ende der Leitung ein Englisch- sprechender Mann. Jörg erklärt, dass wir hier nur warten möchten bis der Bus fährt und dann sind wir weg. Fast gleichzeitig wird uns Mineralwasser und kleine Kuchen serviert. Das murmeln und gurren der Männer „Aha, Ahhh, bu yi gè wénti!“ klingt zufriedenen und angenehm, daraus schliessen wir das dies o.k. ist. Um 15 Uhr stehen wir dann mit Sack und Pack vor dem alten Bus bereit, chinesische Minenarbeiter mit viel Gepäck beginnen die Laderäume im Bus zu füllen und steigen ein. Ein Wachmann begleitet uns und versucht für uns einen Platz zu ergattern. Wir beide werden vom Chauffeur gar nicht beachtet und als der Bus voll besetzt ist, verschränkt der Fahrer nur die Arme „chodderet“ zünftig und spuckt auf den Boden. So, das war`s wohl denke ich, Jörg hingegen gibt sich mit der Situation nicht zufrieden. Er versucht zu erfahren ob noch ein Bus fährt; „Ja, Morgen um 8Uhr“!- aber ob der Platz hat für uns weiss niemand. Etwas ratlos kehren wir mit unseren Wachmann zurück in das QingHua- Gebäude, die Zentrale der Steinkohlemine. Dann werden wir in ein Büro begleitet, vom Polizei-chef unsere Pässe eingezogen, kontrolliert, kopiert und einer der Männer öffnet „google-translation“ an einem der Computer. Wir kommunizieren via Internet, sagen, dass wir erst morgen weiterfahren können und wir einen Platz zum Schlafen suchen, da es zum Campieren draussen bei dieser Wettersituation zu kalt sei. Die Männer verstehen uns, nicken alle und tippen schnell die Antwort in chinesischen Charakter ein. „hold on“ übersetzt der Computer, o.k. dann warten wir. Mittels Computer werden uns einige Fragen gestellt, so z.B. von wo wir kommen, wie lange wir schon unterwegs sind, wann wir in China eingereist sind, was wir arbeiten, unsere Adresse in der Schweiz usw. Wir geben, so gut wie möglich Antwort und ahnen nichts von dem was hier eigentlich abgeht. Dann fragt uns der Computer ob wir hungrig sind? Ja, immer! „In one hour dinner is ready“ , übersetzt google. „Ja super, essen ist immer gut, aber gibt es hier ein Hotel oder eine Pension?“ Frage ich nochmals und tippe energisch in die Tastatur. Der Computer übersetzt die Worte des Chinesen „hold on“! -O.k.! warten wir halt, aber ich frage mich, ob die uns überhaupt verstehen? Dann, nachdem die halbe Crew sich auf www.affenbrunner.ch viele Bilder angeschaut hat, steht auf dem Bildschirm; „Wir organisieren ein Fahrzeug dass euch heute noch nach Yangkang bringt. Jetzt gehen wir aber erst Essen.“ Die ganze Mannschaft marschiert mit uns zur Kantine, wo wir herzlich empfangen und bedient werden. Es gibt neutrale Reissuppe, Bohnen, Lattichgemüse mit Kernelnüssen, getrocknetes Yak-fleisch, Wurst und Brot. Das Brot steht nur auf unserem Tisch, wir nehmen dies als aufmerksame Gastlichkeit an, denn Chinesen essen kein Brot. Die Kantine füllt sich allmählich, hagere, dünne Minen-Arbeiter mit russgeschwärzten Gesichtern, die anderen mit dem Aktenkoffer unterm Arm kommen mit ihren Gamellen oder Plastikschalen zum Essen fassen. Gleiche Bedingungen, dieselben Leistungen, so verlangt es der Kommunismus. Die Männer schauen uns neugierig an und einige bleiben vor unserem Tisch stehen und „stieren“ richtig auf uns. An unserem Tisch sitzen zwei Polizeimänner, unser Chauffeur und ein junger Mann mit Fotoapparat, sie alle essen mit uns. Dann ist auf einmal Aufbruch-Stimmung, unsere Velos werden auf einen Pick-up verladen, gut befestigt und die Taschen im Auto verstaut. Die Sonne blinzelt schnell zwischen den dunklen Schneewolken hervor und während wir die holperige Strasse hinunter rollen, winkt uns die ganze Mannschaft nach. Nach einigen hundert Metern stoppt der Wagen, unser Chauffeur erklärt uns gestikulierend, dass wir wegen der Sprengung warten müssen. Jeden Tag um 18.30 Uhr wird gesprengt in der Mine, 365 Tage im Jahr. Und schon knallt es wieder, genauso wie gestern Abend steigt dunkler Qualm in den Himmel hinauf und hüllt die ganze Umgebung in eine stickige Staub-Kohlerusswolke. Ich frage mich derzeit wie die Leute das aushalten können, die Luft ist ständig dreckig und mit jedem Atemzug verklebt der Dreck die Nasen und Atemwege. Aber wer sich jetzt im Freien befindet der ist dem Ersticken nah und hat vor lauter Staub keine Orientierung mehr. Einige Minuten später geht die Fahrt weiter, wir sehen vor uns nur Grau, doch unser Chauffeur manövriert das Auto geschickt um die grossen Löcher und die Schlammgraben in der Strasse.
Es ist enorm viel Verkehr, hunderte von Lastwagen kämpfen sich durch den Morast, tauchen plötzlich im Sand-Staubnebel auf, Bagger und Traxe kreuzen den Weg, dazwischen stossen Frauen schwere Schubkarren voll mit Lehmmörtel durch die Schlammwüste. Zwischendurch erhasche ich einen Blick in die Baracken, wo die Menschen wohnen und mir wird fast schlecht. Keine Isolation und ohne Elektrizität leben die Minenarbeiter/innen auf kleinstem Raum, Toiletten gibt’s keine und Wasser nur an einem Wasserloch. Noch mulmiger wird es mir, als wir das riesige Steinkohlegelände verlassen, die Strasse ist „grottenschlecht“ es holpert und ich spicke auf dem Rücksitz von einer Ecke in die andere. Es geht nochmals in langen Kehren aufwärts bis auf 4400 Meter hoch und von dort haben wir einen Überblick über die Grösse der Miene. Eine ganze Tallandschaft wird umgewälzt um an das schwarze Gold zu kommen, ohne Rücksicht auf Natur und Kultur. Nur noch am Rande dieser Hochebene sieht man Nomaden mit ihren Herden, von Baumaschinen vertrieben und täglich vom Lärm und Staub belästigt.
Dann geht’s hinunter, die Strasse die den Namen eigentlich nicht verdient hat, schlängelt sich langsam durch das Tal und ab und dann geht’s wieder aufwärts. Grobe Steine machen die Fahrt richtig rau, das manövrieren des Wagens fordert totale Konzentration und Geschicklichkeit. Es ist mittlerweile dunkel geworden und wir sehen die vielen Lastwagen nur noch als Leuchtwurm das Tal hinauf kriechen. Wer eine Panne in der Nähe eines Reparaturzeltes hat ist glücklich und kann auf einen improvisationstauglichen Mann und Reparaturteile zählen. Wer nicht, der bleibt auf der Strecke und muss sich in der Dunkelheit und Kälte selbst zu Hilfe kommen. Der Staub kriecht nun sogar durch die geschlossenen Fensterscheiben und wir alle husten und „schnuddern“ auf dem ganzen Weg. Ich bin von den eindrücklichen Erlebnissen sprachlos und danke im Stillen meinem Schutzengel, der scheinbar auch chinesisch versteht. Unser Chauffeur spricht nur tibetisch, wir können uns leider nicht verständigen und so verläuft die 4 Stündige Fahrt mehr oder weniger wortlos. Endlich in Yangkang angekommen bringt uns der gute Mann direkt zu einem Hotel und hilft das Bagage abzuladen. Es wimmelt von Polizisten um uns herum, doch wir kampieren immer noch nichts und checken ein. Nach den üblichen Formalitäten verziehen wir uns ins Zimmer und auch unser Chauffeur bezieht sein Zimmer. Kaum sind wir drin, entspannen uns auf dem Bett, klopft es laut an unserer Tür, „Police, please open the door!“ Ich öffne etwas verdutzt die Tür und zwei Uniformierte und einer in Zivil betreten den Raum und setzen sich gleich auf das Bett. „Dass wir uns in einer, für Touristen nicht offenen Umgebung befinden,“ eröffnet uns die junge Frau in verständlichem Englisch. „Wir dürften uns hier nicht aufhalten und müssten dieses Gebiet so schnell wie möglich verlassen“, erklärt sie uns weiter. „Wie schnell?“ will Jörg aufgebracht wissen, mir hat es in dem Moment einfach die Sprache verschlagen! Sie zeigt uns auf unserer Karte, dass wir uns die letzten drei Tage in Verbotenem Gebiet aufgehalten haben und nun bis Morgen um 9Uhr Zeit hätten dieses zu verlassen. Danach müssen wir diverse Formulare ausfüllen, obwohl es schon um Mitternacht ist, werden wir die Beamten, die immer noch auf unserem Hotelzimmerbett sitzen nicht los. Fragen über Fragen, dazu kommt noch die Sprachliche Barriere die komische Missverständnisse entstehen lässt. Doch die Polizisten sind nett und zeigen uns ihr Einfühlungsvermögen. Nachdem endlich die Türe hinter den Beamten ins Schloss fällt sind wir so durcheinander dass wir nicht mehr schlafen können. Vieles der vergangenen Stunden und Tagen wird uns klar, immer wieder kommen Aha- Erlebnisse, immer wieder tauchen neue Fragen auf.
Nach einer kurzen Nacht sitzen wir beim Frühstück und werden derzeit von allen Seiten her begutachtet. Die Mitarbeiter des Hotels haben, so wie die Menschen in der Mine noch nie einen Europäer gesehen. Da ist unser Auftritt in Velomontur schon etwas Spektakuläres und Sehenswertes. Wir machen mit, lachen und haben auch unseren Spass mit den Chinesen. Um 9 Uhr sind wir dann natürlich nicht abreisefertig, erst eine Stunde später stehen wir voll bepackt vor dem Hotel-Empfang. Da fährt das Polizeiauto an und die junge Frau ermahnt uns nochmals freundlich aber klar, die Stadt und das verbotene Gebiet nun zu verlassen. „Wir gehen ja schon!“ schwingen uns in den Sattel und rollen aus Yangkang.
Die Polizei hat uns genau im Visier, kaum machen wir eine Trinkpause, schon rollt ein Dienstauto an, die wollen sicher sein dass wir gehen!! Noch lange sind unsere Gedanken bei den vergangenen 24 Stunden und irgendwie merken wir kaum wie schnell wir vorankommen. In den kleinen Dörfern nehmen die das Lachen der Menschen wie Balsam auf, hier fühlen wir uns wieder willkommen. Auch hier sind wir Spezies, Jörgs Nase wird bestaunt und begutachtet, meine Augen lösen oft ein lautes „ahhh“, aus. Gegen Abend erreichen wir die wunderschöne und naturbelassene Weite des ehemaligen tibetischen Plateau in der Provinz Qinghai. Im friedvollen Abendlicht rollen wir dem westlichen Ufer des türkisfarbenen Qinghai Hu-See`s, der grössten See Chinas entlang.
Frische Luft statt Staubwolken
Die frische Luft, die klare Sicht und das Lachen und fröhliche Winken der Menschen die uns begegnen bringen uns wieder in die Gegenwart zurück. Die Gesichter der Leute sind ganz dunkel, typisch tibetisch und ihr Kleider bunt und lustig kombiniert. Die Tibeter hier auf der Hochebene haben glücklicherweise ihre Traditionen beibehalten können. Bunte Gebetsfahnen flattern im Wind und Yak-oder Schafherden ziehen gemächlich dem Ufer entlang. Hier ist alles ruhig, kaum ein Auto fährt auf der super asphaltierten Strasse, es ist angenehm warm, das Vorwärtskommen auf der flachen Strasse ist leicht und grüne Wiesen zieren unseren Wegrand. Auf einer Weide, etwas erhöht von der Strasse stellen wir unser Zelt auf, der mutmassliche Besitzer des Grundstücks, ein dunkelhäutiger Tibeter kommt mit dem Motorrad zu Besuch und möchte uns in sein Haus zum Essen einladen. Wir haben aber schon gespeist, sind nach all den Aufregungen, der kurzen Nacht und den 100Km fahren zu müde und lehnen dankend ab. Nachdem die Sonne hinter den Qinghai Bergen verschwunden ist ziehen auch wir uns in unser Zelt zurück und schlafen wie zwei „Herrgöttli“.
In der Nacht tobt ein höllisches Gewitter über unseren Köpfen, der Blitz erhellt die ganze Talschaft und der Donner grollt über den See. Am Morgen sind nur noch ein paar Restwolken sichtbar, der Wind trocknet unser Zelt schnell und schon bald sitzen wir wieder auf den Velos. Auf dem Weg begegnen wir ab und zu Pilger, die zu Fuss den See umrunden. Die Strecke ist ca. 300 Km lang und wäre im aufrechten Gang schon eine starke Leistung. Die chinesischen Pilger aber legen sich alle 2-4 Schritte flach auf den Boden, legen die Stirn auf die Erde, richten sich wieder auf und falten die Hände vor dem Gesicht und singen dabei. Manche unterbrechen ihren Gebetsprozess und grüssen uns mit einem Strahlen, andere sind ganz vertieft in einer anderen Welt und gehen des Weges. Manche haben einen Träger für Proviant und Zelt, andere sind ganz und gar alleine und ohne Ausrüstung unterwegs. In dem Moment bin ich einmal mehr froh, dass ich mit dem Veloreisen darf und begegne den Pilgern mit enormem Respekt. Im Laufe des Nachmittags kommt starker Wind auf und der plagt uns die nächsten drei Tage lang und zwar von vorn. Mit viel Kraft kämpfen wir uns am Südufer des Qinghai-Hu Sees Richtung Xining, es wird zu einem Wettlauf mit den Regenwolken aus denen es auf diesen 3600 Höhenmetern auch ab und zu schneit. Da ist die Mittagpause, die wir meist in einem Restaurant machen der einzige Lichtpunkt. Das Essen schmeckt auch in den einfachsten Lokalen gut, an die ungewöhnlichen Nebengeräusche unserer Tischnachbarn haben wir uns mittlerweile gewöhnt und die Leute sind immer nett. Die in Chinesisch geschriebene Speisekarte können wir ja nicht lesen, so gehe ich einfach von Tisch zu Tisch, schaue was die anderen Gäste so auf dem Teller haben und zeige dem Chef was wir gerne mögen und was nicht. Die restlichen Gäste amüsieren sich derweil über unsere langen Nasen und danach über unsere Ungeschicktheit mit dem Besteck, den „Stäbli“.
Mit dreckiger Luft, Smog und Staub müssen wir uns bei der Einfahrt nach Xining herum schlagen. Gottlob haben wir vor einiger Zeit Mund-Nasenschutzmasken gekauft die wir nun gut brauchen können. Aber die Schulkinder auf ihrem Heimweg werden täglich mit diesem Lärm und Dreck konfrontiert, die Strassenränder sind voll Abfall, der Fluss komplett verschmutzt. Noch unheimlicher kommen mir die neugebauten aber unbewohnten Hochhäuser vor, die sich in den Himmel strecken, verlassene Geisterquartiere ohne Leben und ohne Chance auf Sonnenlicht. China plant und baut Zukunfts- orientiert. In der Innenstadt besorgen wir uns warme Daunenjacken, eine Isolationsmatte für das Zelt und warten den heftigen Regen in der Provinz Qinghai und Sichuan unterm Dach ab.
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