Ein grosser Traum - Eine Weltreise mit dem Velo

Von Buddha und Langfingern(01.10.2011)

Land: Qinghai/ China

 

Buddha und Lang-fing-fang
Xining pulsiert und agiert als 5 Millionen Stadt in der Provinz Qinghai. Blinkende Leuchtreklamen lassen die Metropole niemals ruhen, Menschen hasten über die Strassen und Autos drängeln sich durch die verstopften Strassen. Aus den Strassenküchen duftet es süss-sauer, das Angebot ist enorm gross. Die Innenstadt ist bedeutend angenehmer als deren Vorort. Eine schöne Parkanlage mit Bänkli und kleinen Restaurants zieht sich dem Fluss entlang und das nahegelegene Hotel Xia-Du in der Avenue Huanghe Luan ist relativ ruhig und sauber. Wir geniessen ein paar Tage das Grossstadtleben und die positiven Seiten einer solchen Stadt wie z.B. gute Einkaufsmöglichkeiten, feine Restaurants, Hotelzimmer mit Ambiente und Internet und Informationsquellen über das Weltgeschehen. Wir besichtigen einige Kloster und Tempel in Xining, lassen es uns kulinarisch gut gehen und essen viel frisches Gemüse und Früchte. Jörg kümmert sich um die Velos, ich mich um die „Stinkwösch“. In einer Seitenstrasse finde ich zwei flinke Chinesinnen in einer kleinen Wäscherei und nach 24Std. kann ich die sauberen, gebügelten Kleider wieder abholen. Welch ein Luxus, sogar die Radlerhose ist gebügelt!!
Die Wettersituation in Sichuan hat sich leider noch nicht verändert, es regnet weiterhin heftig, weite Teile des Landes stehen unter Wasser und die Prognosen versprechen noch nichts Besseres. Auch hier, auf rund 2400 Meter ist es nasskalt und wir lassen uns mit dem Aufbruch in die Berge Xiqing Shan noch etwas Zeit.
Made in China
Auch in der Stadt sind Begegnungen mit den Chinesen meistens erfreulich, die Menschen sind sehr hilfsbereit und wirklich kreativ mit „Non-verbalen“ Erklärungen. Nach wie vor sind wir als Europäer auffällig wie bunte Hunde, doch nach dem starren schleicht sind oft auch ein Lächeln in die verwunderten Gesichter der Chinesen. Wir sind ja eigentlich nicht besser, setzen wir uns doch gerne an eine belebte Strasse und beobachten das Geschehen vor Ort mit viel Interesse. Sehr unterschiedlich und auch kunterbunt zeigt sich die Stadt Xining in den Bauten, von modernen Hochhäusern bis wacklige Lotterbuden ist alles vorhanden. Die Menschen und deren Kleidung, die Manieren und die für uns unanständigen Gewohnheiten lassen uns aber manchmal die Stirn runzeln. Die lauten Nebengeräusche vom Nachbarstisch haben mich schon mal frühzeitig aus einem Lokal getrieben.
Die Geschäfte verkaufen alles, chinesischer Kitsch-Ramsch bis beste Markenartikel die in Europa herkömmlich sind, doch das meiste der Waren sind Fälschungen. Dieselbe Qualität und solide Verarbeitung sodass man schon ganz genau hinschauen muss um den Unterschied zum Original zu sehen. Jack Wolfen-Skin wird Snow Wolf, Nike wird Nikes und Goretex heisst Goretest, Columbia wird Caloubia und Tatonka zu Takaka, u.s.w. Einerseits kommt mir dies etwas unheimlich vor, anders herum, wer sagt denn was Original und was gefälscht ist, wenn doch beides „made in china“ ist?
Kumbum Kloster Gut ausgerüstet für den Tibet mit warmen Daunenjacken, kuscheligen Fleece-hosen, neue Ketten, Kettenblätter und Kassette, geputzt und geschmierte Velos, frisch eingestellte Bremsen und gutem Essen im Bauch und Rucksack geht’s weiter Richtung Süden in den Xiqing Shan. Nach nur 30 Kilometer kommen beim Ta-Er Tempel des Kumbum Kloster vorbei, das wir gerne besichtigen möchten. Der interessante Rundgang dauert bis in den späten Nachmittag und wir bekommen einen tiefen Einblick in die heiligen Gemächer. Buddha an Buddha alle samt im leuchtenden Gold, eine riesige Yak-Butterskulptur und hunderte von Yak-Butterkerzli leuchten den Tempel aus. Wir schlendern um die zahlreichen Gebetsmühlen herum und respektieren achtsam die Privatsphäre der Betenden bei ihrem Ritual. Leider zeigt sich die Sonne heute nur spärlich, dunkle Wolken hängen am Himmel und gegen Abend beginnt es auch noch zu regnen, sodass wir uns gleich im gegenüberliegenden Hotel Tsongkha einquartieren. Die Zimmer sind einfach und sauber, die Decke ist bunt bemalt, das Mobiliar leuchtete in orange-rot-braunen Farben, typisch Tibetisch und wir fühlen uns hier schnell wohl.
Durch ein breites Tal führt uns die Strasse, hier wird gerade der Raps gedroschen. Wer sich jetzt Mähdrescher durch das Feld arbeitend vorstellt liegt falsch. Hier wird von Hand, das heisst mit dem Flegel gedroschen, die trockenen Bündel liegen parat und die Frauen schlagen die Frucht damit der schwarze Samen aus der Schale spickt. Am Abend werden die Stofftücher, auf denen die Frauen gearbeitet haben zusammen genommen und damit die Rapskörner eingesammelt.
Langsam heisst es kräftiger in die Pedale zu drücken, die Strasse steigt und steigt und wir kurbeln auf 3820 Meter hoch. Hier oben ist`s ungemütlich, ein kalter Wind und viel Nass lassen und nach dem aufwärts-schwitzen ganz schnell ins schlottern kommen. Während der Talfahrt sichten wir öfters Frauen die mit Getreidebündel binden beschäftigt sind, exakt verschnürt und aneinander liegend sehen diese aus wie kleine Hütten. Der Hunger macht sich bei uns bemerkbar, schnell parkieren wir unsere Velos vor dem nächsten Restaurant und bestellen das Tagesgericht, „lajiasi“, Nudelsuppe. Hier kriegen wir sogar einen Löffel zum Essen, die hat uns wohl an der Nase angesehen dass wir mit den Stäbli nicht so versiert sind. Mittlerweile ist die Sonne wieder da und leuchtet das rote Sandsteinfelstal wunderschön aus. Wir rollen noch eine Weile davon, geniessen die tollen Naturfarben und die Tal- Fahrt ohne Strampeln und erblicken schon die ersten Pappeln im herbstlich gelben Kleid. Dieses dürfen wir dann auch am anderen Tag bewundern. Wir fahren durch den farbenprächtigen Guide-Geo-Nationalpark und erfreuen uns an leuchtend roten, orangen und brauen Felsen, jeder vom Wind und Regen eine spezielle Form gekriegt habt. Die Sonne lacht dazu vom blauen Himmel und dazwischen leuchtet wieder das goldene Herbstkleid der Wälder, ein echter Bilderbuchtag. In den Bach- und Flussbeeten sind die Spuren der letzten Regenperiode noch sichtbar. Wo heute kein Tropfen mehr fliesst, war vor einer Woche die grösste Schlammschlacht im Gange. Bis und mit über den „Ma- Chu“ dem Yellow-River, dem einzigen Fluss in der Region indem momentan Wasser fliesst geht es bergabwärts. Motorräder rollen an, die Fahrer und Mitfahrer schauen uns eine Weile an und winken, „Hello“ bevor sie davon brausen. Im Zentrum angekommen gehen wir Mittagessen und besichtigen anschliessend die Altstadt Wenmiao und den Confucian Tempel, die grossen Pagoda und die riesige, goldene Gebetsmühle. Vermutlich sind wir die ersten westlichen Touristen die sich hierher verirrt haben, die Anlage ist brandneu und teilweise noch immer im Bau. Nichts desto trotz werden wir höflichst empfangen, natürlich mittels Handy zigmal fotografiert und wie VIP-Gäste behandelt.
Weniger motivierend zeigt sich der Morgen danach, grau in grau, nichts mehr von den leuchtenden Naturfarben in den Bergen und zeitweise regnet es. Trotzdem machen wir uns auf und strampeln wieder bergaufwärts, als plötzlich der Regen immer heftiger vom Himmel pflatscht. Wir kommen gerade bei einem Allerlei-Lädeli vorbei und hüpfen schnell unters Dach. Eine junge Tibeterin empfängt uns mit einem Strahlen, schenkt uns sofort warmen Tee ein und deutet uns, nahe beim Ofen hinzusetzen und aufzuwärmen. So sitzen wir auf dem Sofa, lassen unsere Regen-jacken und Hosen trocknen, trinken Tee und warten in der guten Stube besseres Wetter ab. Die Frau springt schnell hinaus, kommt mit mehr Feuerholz zurück und legt noch etwas nach. Bald wird mir wieder warm und einmal mehr bedaure ich, dass ich kein Tibetisch oder Chinesisch spreche und wir uns nicht unterhalten können. Unser Wetterwunsch erfüllt sich bald, der Regen stoppt, der Himmel klart etwas auf und wir bedanken uns für die Gastfreundschaft bei der jungen Frau. Weiter geht es auf der S101 bis 3440 Meter und oben angekommen eröffnet sich ein weites Hochplateau. Statt mit 8Km/h mühsamen pedalen, fegen wir nun mit 30Km/h und mehr über den flachen Asphalt und blicken auf frisch verschneite Gipfel am Horizont. Bei Sonnenschein wäre dies eine prächtige Aussicht gewesen, doch wir müssen uns mit düsteren Farben zufrieden geben. Jedoch bedanke ich mich gleichzeitig bei Petrus, oder wer auch immer hier für`s Wetter verantwortlich ist, dass er uns auf dieser Höhe von Regen oder Schnee verschont. Im Dorf Goma-i möchten wir uns, bevor wir unser Nachtlager aufstellen in einem Restaurant etwas aufwärmen und bekommen würzige Nudeln und Tee direkt am Ofen serviert. Später findet Jörg sogar ein Hotel in einer Nebenstrasse, die warme Dusche ist herrlich und kurz nachdem wir einchecken setzt draussen auch schon heftiger Regen ein.
Weisse Pracht
Im Laufe der Nacht verstummt zwar das Gurgeln in der Dachrinne, nicht überraschend weiss zeigt sich dann die Sicht beim Erwachen des neuen Tages aus dem Fenster; „Halleluja, ist es schon Weihnachten?“ Die Berge ringsum, aber auch die Strasse, die Gärten, die Hausdächer alles trägt eine weisse Kappe. Wir beraten uns, d.h. „miar chifflad“ –darüber, was wir tun sollen. Jörg hat wie immer, keine Lust auf Radeln in der nassen Kälte, geschweige denn noch im Schnee, ich dagegen bin fürs Weiterfahren. Mein Argument ist; es geht mit jedem Tag mehr dem Winter entgegen, warten wäre für mich in diesem Fall nur Zeitverschwendung. Wie es ausgeht wisst ihr sicher, wir fahren weiter und lassen Goma-i mit den verschneiten Dächern hinter uns.
Auf den ersten 5Km gibt’s grad schon 300 Höhenmeter zum kurbeln und dies kommt mir so früh am Morgen gar nicht gelegen. Solch ein Krampf kaum aus dem Bett, ohne Aufwärmphase, nein, da hänge ich mich doch grad an den kleinen Lastwagen, der da so schnaubend und laut motorend hinter mir her kommt. Oben auf dem Top gibt es eine tolle Aussicht auf das Dorf, die umliegenden verschneiten Berge und die Strasse wie sie sich in langen Kehren den Berg hinaufschlängeln. Nach kurzer Zeit kommt auch Jörg mit 20Km/h aufwärts angesaust!!!! Das schnittige Tempo hat seinen linken Arm grad 1-2 Zentimeter länger werden lassen. Er hat sich an einen Überlandlastwagen gehängt der mit grossem Motor schnell in die Kurven ziehen kann.
Die Sonne versucht immer wieder gegen die Wolken anzukämpfen, zeitweise gelingt es ihr und wir erfreuen uns über die Wärme und das sanfte Licht in der winterlichen Umgebung. Es geht aufwärts und natürlich über einen Pass, dann folgt eine lange Fahrt in eine weitere, riesige Hochebene mit verschneiter Bergkulisse. Im Dorf Wuan-chan gehen wir Mittagessen, das einfache Lokal ist bei unserem Ankommen fast leer, füllt sich jedoch innerhalb wenigen Minuten randvoll mit Schaulustigen. Vom Koch und der Besitzerin des Restaurants werden wir aber herzlich empfangen, für uns geht die Frau noch speziell Gemüse einkaufen und kocht Nudeln mit Chinakohl, Peperoni, Bohnen, Tomaten und Eier ganz frisch. Während wir auf das Essen warten werden wir von den anderen Tischen aus genau beobachtet, angestarrt und über unsere Erscheinen, unsere Gesichter und die Velos wird drinnen und draussen heftig diskutiert. Natürlich ist uns das manchmal auch ein bisschen peinlich, doch irgendwie verstehen wir die Neugierde und das Staunen und versuchen den Tibetern unsere Herkunft und Reise zu erklären, was aber oft in einem grossen Durcheinander endet. So setzen wir halt einfach ein Lachen auf, winken und plaudern „schwiizertütsch“ und freuen uns natürlich, wenn das Lachen von der Gegenseite zurückstrahlt. Mit vollem Bauch und 8 gekochten Eiern als Geschenk des Hauses im Gepäck schwingen wir uns wieder in den Sattel, alle Gäste und „Gaffer“ und die Bewohner der Strasse winken uns nach. Die restlichen Anwesenden fahren mit ihren Motorräder neben uns her und messen via Tachometer, wie schnell wir auf unseren Burro`s sind. Auch heute bleibt die Sonne die meiste Zeit hinter einem Schleier, immer wieder stellen wir uns die tibetische Hochebene mit den buntgekleideten Menschen, den Yurt, Yaks und den farbigen Gebetsfahnen mit blauem Himmel vor und hoffen dass es irgendeinmal dann klappt.
Postkartenlandschaft
Man muss seinen Wunsch nur ausdrücken, und schon klappt das mit der Sonne!! –Nachdem wir an einer Strassenkreuzung der S101 in einer ziemlichen Räuberhöhle für 50 Yuan (SFr.8) übernachtet haben, weckt uns ein klarer Himmel mit Sonnenschein. Schnell packen wir alle Sachen zusammen, bekommen unten im Lädeli noch heisses Wasser für Kaffee und Tee und werden danach vom halben Dorf verabschiedet. Kurz darauf fahren wir gutgelaunt und munter in die kühle Morgenfrische. Ende September sinkt die Temperatur auf der tibetischen Hochebene drastisch und sobald die Sonne untergeht wird es hier oben bitterkalt. Über Nacht gefriert die Erde und nun dampfen die Wiesen und Auen in der Morgenstimmung. Die gelb-grüne Graslandschaft, die Yaks, Schafe und Pferde, die verschneiten Berge, der blaue Himmel und die warmen Sonnenstrahlen bringen mich nach nur kurzer Zeit zum „jutzen“. Singend und gutgelaunt geht’s auch für Jörg locker und leicht über den ersten Pass, 3961Meter, dann einige hundert Höhenmeter Schussfahrt in eine Talsohle und grad nochmals auf 4037 Meter hoch, bei solchem Wetter ist dies wirklich ein Vergnügen. Wohlgenährte Murmeltiere huschen uns über den Weg oder pfeifen den anderen Nager Alarm durch die Stille. Im frühen Nachmittag dürfen wir uns dann 25Km lang zurücklehnen, d.h. die Schussfahrt durch ein sehr abwechslungsreiches Tal auf bestem Asphalt geniessen, S101. Lachende und winkende Tibeter/innen, eingewickelt in ihre warmen Mäntel sausen zu Zweit oder Dritt auf ihren Motorräder an uns vorbei und heissen uns willkommen. Die einen wohnen abgelegen in ihren einfachen Lehmhäuschen, fliessend Wasser vom Bach und umringt von Yaks und Schafen. Die anderen bewohnen eines der neuen Bachsteinhäuser die als Staats-Zukunftsprojekt eintönig und  ganz geometrisch in die Welt gesetzt worden sind. Ob mit Badezimmer oder evtl. einer Toilette bleibt für uns eine offene Frage. Spektakuläre rote Felswände, eine enge Sandsteinschlucht, ein kleines Dorf mit vielen interessanten Gesichtern, ein gemütlich warmer Ofen im Restaurant, eine grosse Schüssel „mah-meh“ und eine einfache Unterkunftsmöglichkeit runden diesen herrlichen Tag im Tibet dann später ab.
Von Buddhas und Langfingern  
Auch der heutige Tag beginnt mit Sonnenschein, eine abwechslungsreiche Fahrt durch ziegelrotem Sandstein, Nadelwald und Graslandschaft, mal bergaufwärts, mal abwärts. In luftiger Höhe können wir Adler beobachten wie sie elegant und aerodynamisch über dem Tal kreisen und auf Beute lauern. Gleichzeitig freuen wir uns über die tolle Sicht in die schönen Täler, und winken den freundlichen Bauarbeitern zu. Die heftigen Regenfälle vergangener Tage haben auch hier Spuren hinterlassen und Teile der gut asphaltierten Strasse überschwemmt oder unterspült, so dass zwischendurch ganze Abschnitte fehlen oder abgesackt sind. Der chinesische Staat ist aber bemüht, so schnell wie möglich das Strassennetz wieder instand zu stellen, schwere Baumaschinen und unzählig viele Männer und Frauen unterstützen dieses Projekt und legen tatkräftig Hand an. Nach dem Mittag kommen wir in Lajiasi an und sichten schon von weitem das goldene Dach des Klosters das unter einem gigantischen Felsen gebaut ist. Voller Interesse was hinter den Mauern und in den Gässchen auf uns wartet stellen wir die Velos ab und erkunden das Kloster Gelände zu Fuss. Wir steigen hinauf zum Tempel wo einige Tibeterinnen ihre Gebete rezitieren und zigmal um den Tempel marschieren. Wir geniessen den Moment als stille Beobachter und lassen die friedvolle Stimmung eine Weile auf uns wirken. Hunderte von Fragen kommen mir in den Sinn wenn ich die Frauen mit ihren traditionellen Kleidern und Schmuck sehe und komme aus dem Staunen fast nicht mehr heraus. Grosse Schmuckteile sind in die extrem langen Haare eingeflochten und die farbigen Stoffe und Bänder der Kleider und Mäntel leuchten in der Sonne. Später, im Dorf unten, wo wir unsere Velos abgestellt haben werden wir aber ganz schnell in die Wirklichkeit gezerrt. Jörgs Velo steht an einem anderen Platz, die Handschuhe liegen am Boden, der Velo-Computer fehlt, wurde einfach weggerissen und ist verschwunden. Wir fragen die herumstehenden Leute, ob sie etwas gesehen hätten aber niemand will uns verstehen, einige zucken mit der Schulter und schauen verwundert auf das Velo. Auch erweitertes Fragen mit Mimik und Gestik bei anderen Zuschauern bleibt erfolglos, Jugendliche drehen sich kichernd um oder schauen uns gelangweilt an. Jörg fragt im Laden vor dem wir parkiert haben nach, ob vielleicht der Besitzer gesehen hat wer sich an den Velos zu schaffen gemacht hat, erfolglos. Zwei halbstarke Jungs grinsen frech, ich bin fest überzeugt dass die beiden mehr wissen und gehe ihnen nach. Ich frage nochmals nach dem Computer, da deutet der eine provozierend, ich könnte ihn ja durchsuchen und grinst dazu noch breiter. Jetzt wird’s uns zu bunt, wir suchen den Polizeiposten auf und machen Anzeige gegen Unbekannt. Es ist nicht so, dass das Ding so wertvoll ist, nein, aber seit mehr als 5 Jahren funktioniert das Computerli einwandfrei und hat uns schon so manche Passhöhe, fast überhängende Steigung, Jörgs Geschwindigkeitsrekord oder Hitze-und Minusgrade angezeigt, ist mehr als 56`000Km um die Welt gefahren und wird nun, vor einem buddhistischen Kloster im Tibet geklaut!! Das kleine Teil nützt einem nur etwas mit dem dazugehörendem Transmitter und dieser ist ja noch am Velo. Die Beute ist so für den Dieb vollkommen nutzlos. Diese Tatsache ist für uns beide so unglaublich und bringt uns zum Entschluss, die Polizei einzuschalten. Wir erklären den 4 uniformierten Beamten die gerade im Dienst sind mit viel Gestik und Mimik, was vor dem Kloster passiert ist und werden zuerst nur ausgelacht. Kein Wunder bei dem Pantomime-Theater was wir da vorführen müssen weil wir die Sprache nicht beherrschen. Wir wollen schon aufgeben, da nimmt sich einer davon unser an und ruft den Chef-Polizist. Der reagiert schnell, es wird telefoniert, kommandiert und via Computer kommuniziert, dann wird Jörg zum Tatort gefahren und er muss nochmals alles erzählen. Nach kurzer Zeit braust der chinesische Polizei-Jeep wieder vor dem Posten an und wir werden in ein Büro mit 10-12 Überwachungs-Kamera-Bildschirmen an der Wand zitiert. Wir sind grad etwas verlegen, schauen erstaunt auf die Fernsehen und finden auch das „leif“-Bild vom Platz vor dem Laden beim Kloster. Das ganze Dorf wird mittels Videokamera überwacht, „Big Brother is waching you“! Gespannt warten wir auf die Aufzeichnung über die Mittagszeit, im Raum geht es nun ganz hektisch her und zu, die Anlage piepst und blinkt und keiner der Beamten kennt sich mehr aus. Ein Fachmann muss her, und schon steuern zwei neue Männer in das Büro. In kurzer Zeit läuft der Film rückwärts und sie finden die Zeit 12.22Uhr, wir sehen uns noch mit den Velos über den Platz fahren und dann stoppt der Film. Lange Zeit geht nichts mehr, wir warten und sind gespannt was weiter geschieht. Dann werden wir plötzlich auf morgen vertröstet, wir sollen am Morgen wiederkommen, die Polizei versuche über Nacht das gesuchte Objekt zu finden. Nicht ganz zufrieden mit der abrupten Abfertigung aber doch mit etwas Hoffnung auf das verschwundene Teil machen wir uns auf die Suche nach einem Hotelzimmer. Wir sind in einem kleinen tibetischen Dorf am Yellow River gelandet, staubige Strassen, Trottoir mit offenen Schächten und grossen Löchern, verlassene oder baufällige Häuser und extrem viel Abfall, wo immer ich hinsehe. Es stinkt nach Fäkalien und ist bestimmt kein Ort, an dem wir freiwillig bleiben möchten, doch was bleibt uns anderes übrig? Im ersten Hotel finde ich ein Zimmer das eher einem Saustall gleicht, ich erspare euch jetzt die Details. Das Zweite hat gar kein WC, auch nicht auf der Etage und im ganzen Haus nicht, es gibt nur „Zimmer mit fliessendem Wasser vom Yellow-River“, Toilette auf der Strasse!! Aha, nun wissen wir auch woher der Latrine Gestank kommt. Das dritte und letzte Hotel vermietet uns ein Zimmer mit Dusche/WC, als ich nackt unter der Dusche stehe kommt kein Tropfen Wasser aus der Leitung. Dieser Tag endet im Gegensatz zum Gestrigen so demotivierend, dass einem das Veloreisen in China direkt verleiden könnte!! Gute Nacht und gute Hoffnung auf Morgen!
Ganz gegen meine Vorstellung und Wünsche zeigt sich der Himmel 12 Stunden später grauverhangen mit dicken Regenwolken aus denen es ziemlich heftig schüttet. Unser morgendlicher Gang zum Polizeipräsidium ist vergebens, das Tor ist verriegelt, weder ein Polizist noch der „yi gé jingchà –chef“ sind auffindbar. Wir beschliessen einstimmig, nachdem wir heiss geduscht haben, in dem „Räuberkaff“ einen Tag Pause zu machen und das Warten auf Neuigkeiten vom „Lang-fing-fang-chef“ und besseres Wetter mit essen, lesen und relaxen so angenehm wie möglich zu machen.
zurck   zur Galerie
created by peebee