Ein grosser Traum - Eine Weltreise mit dem Velo

Historisches Tibet(10.10.2011)

Land: Qinghai/ China

 

Historisches Tibet /Qing-hai
Scheinbar soll es nicht sein, dass wir unseren Velocomputer wiedersehen, demzufolge verlassen wir das Räuberdorf heute Morgen. Die Polizei teilt uns mit, dass die Untersuchungen noch länger andauern werden, wir sind aber überzeugt dass der Dieb mittels der Videoaufzeichnung längst überführt sein könnte. Nun geht’s halt weiter ohne genaue Höhenmeter- und Temperaturangaben, erstes werden wir in Zukunft anhand von unserer Puste „Keuch-Keuch“, zweites nach unserer „Hennahut“ und unseren rot oder blauen Nasen selbst bestimmen. Auf dem Weg hinaus aus Lajiasi haben wir viele Zuschauer die uns winken, ich denke das halbe Dorf weiss vom Diebstahl und unserem Besuch bei der Polizei. Wahrscheinlich liegt unser Velo-Computer ab nun in einer Vitrine im Präsidium mit dem Vermerk; “was Langnasen alles so mit sich tragen“
Wir befinden uns nun im historischen Tibet das vor der chinesischen Invasion 1950 aus den Provinzen Ü-Tsang, Amdo und Kham bestanden hat. Heute ist die Autonome Region Tibet nicht mehr halb so gross wie das ehemalige Tibet, die restlichen Gebiete wurden den Provinzen Qing-hai, Sichuan, Gansu und Yunan zugeteilt. Deshalb begegnen wir hier echten Tibetern denen man Ursprung und Herkunft von weitem ansehen kann. Die Gesichter sind ganz dunkelbraun, z.T. mit pfirsichroten Backen, schwarze, gerade Haare, schmale, mandelförmige Augen und asiatisch-kleinem Körperbau. Die Haut im Gesicht und an den Händen wird von der starken Sonneneinstrahlung auf rund 4000 M.ü.M schon in jungen Jahren stark strapaziert und ist demzufolge sehr trocken und spröde. Wegen dem rauen Klima wickeln sich Frauen und Männer in dicke, zu grosse Mäntel ein, lassen aber lustiger weise den rechten Arm immer draussen. Ab und zu sieht man bei Frauen ein Baby eingewickelt in den dicken Stoff am Rücken schlummern. Bei den Männern dient der übrige Stoff als Beutel für allerlei Mitbringsel. Der Mantel hat keine Knöpfe und wird mit einem farbigen Band um die Hüfte festgeschnürt, damit der Wind, der im Tibet fast immer weht, nicht durch den Stoff dringen kann. Beide der Ärmel, bei den Frauen und Männern sind viel zulange und der nichtgebrauchte Ärmel baumelt hinter dem Rücken wie ein Schwanz.
Big nose, you are beautiful
Auf den Motorrädern sind meistens alle Plätze besetzt, d.h. drei bis vier Personen sitzen auf dem 250ccm Vehikel, der Hinterste klebt dann mehr oder weniger auf dem Rücklicht. So Vollbeladen geht es nicht mehr schnell vorwärts und besonders nicht, wenn`s noch so toll bergaufwärts geht wie heute Nachmittag. Das ist den Tibetern mehr als recht, so fahren sie minutenlang neben uns im Schneckentempo her und haben genug Zeit um unsere Nasen zu begutachten. Heute hören wir zwischen Gekicher und Motorengeräusch in Englisch; „Big nose, you are beautiful“ (Langnase du bist schön)
Pass…Pass…Pass
Immer weiter in den Himmel hinauf schraubt sich die Strasse und wenn ich denke, oben angelangt zu sein, krümmt sich der Wurm, resp. die Strasse auf die andere Seite und es eröffnen sich weitere Kehren ohne Ende. Da höre ich doch hinter mir das laute Klopfen eines 2-zylinder Diesels aus der Mao-Zeit und im Rückspiegel sehe ich, dass das Fahrzeug mühsam einen Jeep abschleppt. Genau das richtige Tempo für mich zum an-doggen und schon hänge ich an dem „Tacka-Tacka-Tuff-Tuff“ und lasse mich den Berg hoch bugsieren. Kaum um die nächste Kurve, hängt sich Jörg an die linke Seite des chinesischen ACS- Konvois und so erreichen wir die Passhöhe, 4237Meter hoch, gemäss Strassenschild im späteren Nachmittag. Wir bedanken uns bei den netten Männern und ziehen uns warme Sachen über, es ist eiskalt und ringsum liegt Schnee. Nach einer rasanten Schussfahrt erreichen wir die Kreuzung vor Maqin, da gibt’s ein Hotel, ein Restaurant und Lädeli, Grund genug für uns hier Halt zu machen und auch hier zu Übernachten. Die Zimmer sind modern und relativ sauber, die Betten verfügen über funktionierende Heizdecken, was uns bei den winterlichen Temperaturen sehr willkommen ist!!
Leider auch wieder ohne Sonne machen wir uns auf den Weg Richtung Gade, leichter Rückenwind puscht uns über die Hochebene in ein schmales Tal hinein. Mit moderater Steigung strampeln wir dem Fluss entlang, vorbei an einfachen Lehmhäuschen und grasenden Yaks. Es ist hier schon recht kalt und ab und zu schneit es aus den grauen Wolken die die Sonne verdecken. Die Strasse S101 schlängelt sich heute auf 4387Meter, ich komme oben an wie ein Schneemann und meine Nase trieft. Dann geht’s einige hundert Höhenmeter hinunter in eine Tal-ebene. Im kleinen 60Seelen- Dorf gehen wir uns im Restaurant aufwärmen und bestellen Nudelsuppe. Hier dasselbe Schauspiel, als wir eintreten sitzen zwei Männer im Lokal, fünf Minuten später ist die Bude pumpenvoll, an unserem Tisch drängeln sich 4 Kinder die uns von ganz nahe sehen möchten. Jörg, der sowieso schon seiner starken Erkältung wegen etwas lädiert ist, findet das heute gar nicht toll. Ich versuche ihn so gut wie möglich von den neugierigen Jungs abzuschirmen und mache gute Miene zum doofen Spiel. Wir verschlingen unsere Nudelsuppe die auch in dem abgelegenen Bergdorf mit frischen Zutaten zubereitet ist und gut schmeckt und werden derweil von allen Seiten her genauestens beobachtet. Kaum ist der Teller leer machen wir uns schnell wieder auf den Weg, wir haben erst grad mal die Hälfte der Kilometer bis ins nächste Dorf geschafft. Zelten möchten wir bei den winterlichen Verhältnissen und wegen Jörgs Husten vermeiden. Gleich nochmals auf 4237 Meter strampeln wir hoch mit der Nudelsuppe im Bauch die uns so richtig einheizt. Die Wärme brauchen wir auch, denn es gibt’s wieder Schneeflocken und zusammen mit dem kalten Wind kühlen wir recht schnell aus. Halb durchgefroren und nass kommen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit in Gade an und finden bald das staatliche Hotel, das einzige hier. Der Schuppen sieht von aussen recht nobel aus, wir versuchen es trotzdem, auch wenn es vermutlich über unserem Budget liegt, weil wir wirklich müde sind.
„No open Aera for forenger“ Die Dame an der Rezeption gestikuliert und hantiert, eine junge Frau die dazu kommt übersetzt für uns in Englisch. Sie müsse zuerst die Polizei benachrichtigen und fragen ob wir hier bleiben dürfen. „Ja ok!“, antworten wir etwas verwundert, das ist ja etwas ganz Neues! Kurze Zeit später braust ein weisser Jeep an und ein Polizist erscheint am Hotelempfang. Er spricht energisch und schnell, natürlich alles chinesisch, wir verstehen nichts, ahnen aber schon dass es Ärger gibt. Belinda, die junge Frau erklärt uns, dass wir uns in für Ausländer verbotenem Gebiet befinden und wir nicht hier bleiben können. „Was schon wieder!?- Das kann nicht sein, wir haben uns doch extra bei der Polizei in Xining erkundigt und die haben uns für diese Region freie Fahrt genehmigt!“ Jörg ist jetzt ziemlich aufgebracht, und sagt Belinda sie soll dem Polizist übersetzen dass wir heute nicht mehr weiterfahren können. Es sei ihm egal ob verbotenes Gebiet oder nicht, schliesslich sind wir im Besitz eines gültigen Touristenvisums und haben keinerlei Schranken oder Checkpoints unerlaubt passiert. Die Polizei hat uns heute zigmal überholt und niemand hat uns informiert oder wegen illegalem Aufenthalt aufgehalten. Eine heftige Diskussion zwischen Polizist, Belinda und der Dame an der Rezeption beginnt und wir beide stehen daneben wie „bstellt und nid abgholt“. Ich hoffe ganz fest, dass der Chinese ein Herz für müde Veloreisende hat und uns wenigstens hier in der Wärme schlafen lässt, wenn nicht, so müssen wir ausserhalb des Dorfes campieren. Ich schaue aus dem Fenster hinaus zu unseren Velos auf denen sich eine 5cm dicke Schneeschicht angesetzt hat. Dank der redegewandten Übersetzerin entscheidet der Polizist, dass wir für eine Nacht ein Zimmer kriegen sollen, morgen früh aber das Gebiet so schnell wie möglich verlassen müssen. Im ersten Moment sind wir erleichtert, beziehen das Zimmer und wärmen uns unter der heissen Dusche auf, doch was wird morgen sein? Unsere nächste Destination Darlag liegt nach Aussage des Polizisten auch noch in der für uns verbotenen Zone.
Trotz der Aufregung vom Vorabend haben wir beide richtig gut und tief geschlafen und Jörg`s Erkältung ist ein bisschen abgeklungen. Die Sonne scheint und verspricht uns einen schönen Tag im Ost-Tibet. Bevor sich der „Fremdenjäger“-Polizist vielleicht ausdenkt er könnte uns im Auto deportieren, machen wir uns schnell auf den Weg. Also heute wollen wir bestimmt nicht in einem Auto hocken und uns die Nasen an der Scheibe platt drücken. Schnell vorwärts und weg hier. Es ist bitterkalt und wir ziehen uns alle Kleider an die irgendwie warm geben. Kaum auf dem Velo radeln wir an einem grossen Kloster vorbei, Teile davon sind im Mai 2008 dem Erdbeben zum Opfer gefallen und werden nun wieder aufgebaut. Jörg schlendert durch die Tempel, vorbei an den vielen Gebetsmühlen und begegnet so einigen Mönchen und anderen Gläubigen. Ich bleibe diesmal lieber bei den Velos, schaue mir das Kloster von weitem an und friere mir die Nase blau.
Bald geht’s weiter und ich komme zu der Erkenntnis dass ich im Tibet lieber bergaufwärts als abwärts fahre, beim Strampeln wird mir wenigstens warm. Sobald ich mich nicht mehr bewege, beginnt mein Körper zu schlottern und der Fahrtwind dringt durch die Nähte und Poren. Glücklicherweise begleitet uns die Sonne heute und macht die Temperatur an windgeschützten Plätzchen schon etwas angenehmer als gestern. Die Yaks und Ziegen finden in der goldgelben Graslandschaft die ab und zu auch mit Schnee bedeckt ist, scheinbar noch genügend zu fressen. Einige Viecher haben wir aber schon geschmückt mit Gebetsfahnen auf den Lastwagen Richtung Tal fahren sehen, der Winter naht.
Noch einmal führt unser Weg zum Ma Chau, dem Yellow River der sich hier breit durch das Tal ausdehnt. Bei der Einfahrt in Darlag werden wir nicht wie erwartet von der Fremden-Polizei abgefangen, sondern von netten Motoradfahrern die uns zum besten Restaurant im Dorf lotsen.
Chiffa, chiffa…..
„chiffa“ heisst essen und dies ist eines der wenigen Worte die wir in Tibetisch sagen und verstehen können. Im Restaurant schlagen wir uns die Bäuche voll und machen uns danach auf die Suche nach einer Unterkunft denn, im Zentrum wimmelt es von interessanten Gesichtern und lustig-farbigen Menschen.
Beim Einchecken im Hotel will die Frau an der Rezeption nicht einmal unsere Namen wissen, auch kein Pass wird verlangt, wir bezahlen die Miete für eine Nacht und ziehen mitsamt den Velos ein. Keine Fragen, keine Fremden-Polizei, keine Probleme mit verbotenem Gebiet für Ausländer usw.
Auf unserem abendlichen Streifzug durch das lebhafte Dorf begegnen wir so manch interessanten Menschen, ich bleibe einfach stehen und lasse die musikalischen Klänge, die fröhlichen Stimmen, das herzliche Lachen, den Motorenlärm, den Duft nach Yak-butter und Schaffell und ab und zu den Gestank nach Undefinierbarem einfach auf mich wirken. Jörg besorgt in der Zwischenzeit Proviant für den nächsten Tag und ich knipse Bild an Bild um das Alltagsleben der fantastischen Tibetern festhalten zu können. Einmal mehr wünsche ich mir ihre Sprache zu sprechen und die Lebensgeschichten der kunterbunten Menschen verstehen zu können.
Richtig verwöhnen tut uns die Sonne heute und die Wärme können wir auch echt gut gebrauchen denn es geht heute auf 4453Meter hoch. Durch ein wunderschönes breites Hochlandtal geht es kontinuierlich aufwärts und der Wind puscht uns im Rücken, sodass wir ganz locker vorwärts kommen. Auf einer Wiese sehen wir buddhistische Mönche und viele Gläubiger ihr Gebetsritual feiern. Wir beobachten dieses friedvolle Ereignis von der Strasse aus, ca. hundert Menschen sitzen am Boden und singen Mantras und feiern ihren heiligen Tag. Noch lange hören wir die Stimmen der Männer die dann langsam in der Stille der Natur verstummen.
Es ist wirklich sehr ruhig hier oben, das Bayan Har-Shan Gebirge legt sich wie ein Sattel über das Tibetische Plateau, hohe, weiche Hügel reihen sich aneinander und die Strasse legt sich um die runden Berge wie ein Collier um den Hals. Hier oben gibt’s eine traumhafte Aussicht auf das Dach der Welt und die Sonne verleiht dem Panorama einen besonderen Reiz. Statt Lastwagen und Autos begegnen uns immer wieder buddhistische Pilger die den langen Weg mit ihrem Ritual unter die Füsse genommen haben. Die Sonne steht schon tief als die Strasse endlich hinunter in ein schmales Tal führt. In der Hoffnung auf eine Unterkunft fegen wir mit viel Schuss die letzten Kilometer abwärts.
Ladenhüter
Doch da ist nichts los in dem kleinen Dorf, kein Restaurant und kein Gästehaus und es wird schon langsam dunkel. Die Leute auf der Strasse schauen uns eher skeptisch an, die einen lachen die anderen drehen sich einfach verwundert um. Es ist schon recht frisch und wir ziehen uns noch ein paar warme Sachen an. Jörg springt noch schnell in den Laden um 4 Portionen Noudle-Soupe FastFood und Guetzli zu posten während ich mich nochmals um eine Übernachtungsmöglichkeit erkundige. Der Nachbar führt mich in seinen Laden und von dort aus hinter einen Stoffvorhang in eine Küche. In der Mitte steht ein Eisenofen der wohlige Wärme abgibt. Der Mann gestikuliert dass wir hier unser Essen zubereiten können und auf den Sofas schlafen können, es sei jetzt schon zu kalt draussen. Schon bringt seine Frau einen Korb voll Yak-Mist zum Heizen hinein, sie macht uns Tee und giesst die Suppen auf. Wir fühlen uns bei Ürsu und Donge sehr willkommen, obwohl wir gar nicht kommunizieren können und obwohl wir uns erst vor 20 Minuten begegnet sind, dürfen wir in ihrem „Allerlei-Laden“ schlafen. Die beiden erklären uns gestikulierend, dass wir die Türe nicht mehr aufmachen sollen wenn jemand klopft und falls wir noch mehr Hunger hätten, uns einfach im Regal bedienen sollen. Beide steigen in ein Auto, winken und schon sind sie weg und wir beide frischgebackene „Ladenhüter“. Jörg legt nochmals Yak-Mist in den Ofen, der übrigens gar nicht mehr stinkt sobald der trocken ist und dafür herrlich warm gibt. Später schlafen wir herrlich nahe dem Ofen während draussen das Thermometer auf minus 12° sinkt. Es ist noch dunkel als ich wegen eines raschelndem Geräusches erwachen, eine Maus, ein Einbrecher….nein, Ürsu ist gekommen um Feuer zu machen, damit wir es schön warm haben zum Aufstehen. So einen super Service bietet kaum ein Hotel. Dann verschwindet sie wieder und kommt eine Stunde später mit frischer Yak-Milch zurück schüttet die Milch in das Butterfass und beginnt zu drehen. Zum Frühstück gibt es Yak-Buttertee und „Tsampa“. (Getreidemehl mit Yak-butter vermischt)
Dicker Reif hat sich in der Nacht über das Tal gelegt, in der Morgensonne beginnt die Natur zu dampfen wie ein Kochtopf. Wir bedanken uns für die Gastfreundschaft und rollen mit noch einer Schicht Kleider mehr in die Morgenkälte. Heute nehmen wir es mehr gemütlich, haben wir doch gestern mehr als 100 km und ziemlich viel Höhenmeter strampeln müssen, so geht`s heute erst Flussabwärts bis zum King Mardo Gesar Lotus Shrine. Dann über den Fluss weiterhin auf der S 101 einem anderen Flusslauf entgegen. Im Laufe des Nachmittags kommen wir in das Ningma- Kloster-Dorf Baiyu, die goldenen Dächer der Tempel glänzen in der Sonne und das leise Tingeln der Gebetsmühlen laden zum Verweilen ein.
4398….4239….4037…….4207…….4054…….Meter über Meer
Für die kommenden Tage ist bergaufwärts kurbeln angesagt, es stehen uns 5 Pässe vor und wir bewegen uns so zwischen 3800 und 4400 Meter. Die Strasse S101 ist superfeinster Asphalt, so habe ich auch Zeit um mich in der Umgebung umzusehen und muss mich nicht nur auf die Löcher und Steine auf der Strasse konzentrieren. Anders als wir gewohnt sind von den Zentralasiatischen Bergregionen sind die Verbindungen im Tibet auch bis in die kleinsten Dörfer und auf die höchsten Pässe absolut einwandfrei. Dazu erfreuen wir uns ab dem tollen Bergwetter, die Sonne lässt die herbstlichen Farben noch intensiver leuchten und wir haben auch in hohen Lüften warm genug. Kaum geht die Sonne unter wird es aber bitterkalt, wir schauen dass wir uns dann spätestens ins Zelt verziehen können oder eine warme Unterkunft gefunden haben. Ganz oben auf den Pässen wo viele Gebetsfahnen ganz ausgefranst flattern werden wir dann zusätzlich mit atemberaubender Aussicht belohnt, wie z.B. auf den überzuckerten Golog Shan, der mit seinen 5370 Meter hohen Gipfeln schon richtig majestätisch aussieht. Ab und zu gibt’s auch einen Gipfel-Schwatz mit Einheimischen zu Pferd oder mit dem Motorrad, wir erzählen in „Schwiizerdütsch“, die Tibeter in ihrer eigenen Sprache. Keiner versteht den anderen, aber irgendwie funktioniert es immer, die Sprache des Lachens ist einfach die schönste und unkomplizierteste. Das sind Momente in denen mir meine Freiheit und meine Unbeschwertheit wieder ganz bewusst werden und ich überaus dankbar bin dass ich diese wunderbare Welt so erleben darf.
Im Qinghai Jiuzhi Nianbeayuze National Geopark mieten wir uns ein Glashäuschen und beobachten gemütlich in der Wärme die Abendstimmung und die vielen Yaks auf dem Heimweg. Heute geht’s nochmals an die „Wadeln“, 3 x über 4000 Meter hoch allesamt mit traumhaftem Panorama auf weisse Riesen und herbstlichen Wiesen, also wer da kein Heimweh bekommt ist kein echter Schweizer! Wir können uns kaum sattsehen, rasten immer wieder und staunen über die echte Postkartenkulisse. Erst später im Nachmittag sausen dann in das Tal und versuchen schnell den herannahenden schwarzen Gewitterwolken zu entkommen.
Grenzenlose Gastfreundschaft
Trocken angekommen im Dorf Jiuzhi knurrt mein Magen so sehr dass wir uns als erstes nach einem Restaurant umsehen. Zuvod aber schwenkt Jörg rasch ab und verschwindet in der „Bank of China“ Geld zu wechseln, da der Bancomat unsere Kreditkarten nicht akzeptieren will. Ein neugieriger Mann auf dem Velo spricht mich in Tibetisch an und begutachtet unsere bepackten Velos. Wieder gestikulierend erkläre ich von wo wir kommen, dass mein Mann in der Bank drinnen ist und dass es uns so gut gefällt im Ost-Tibet. Er fragt mich ob ich Dalai Lhama, den geistigen Führer der Buddhisten kennen? „Ja, wir kennen ihn, haben ihn aber leider noch nie gesehen“ versuche ich zu erklären. Nach einer Weile frage ich ihn, wo man gut essen kann und er erklärt uns den Weg. Als Jörg erfolglos aus der Bank kommt merkt der Mann sofort dass etwas nicht in Ordnung ist. Wir machen uns auf, denn mein Magen knurrt jetzt schon richtig unanständig und Chuar-Tsip, unser Tibetischer Velofreund fährt mit dem Velo vor. Er bringt uns zu einem Restaurant in einen separaten warm geheizten Raum und hilft uns beim Essen bestellen. Wir können uns leider nicht unterhalten, unsere Konversation geht über unser kleines Wörterbuch Englisch/Chinesisch und ist sehr stockend. Das Essen wird serviert, Bohnen mit Auberginen, butterzartes Yakfleisch mit Gemüse, Chinakohl mit Nüssen und dazu Reis und alles schmeckt vorzüglich. Es sind Portionen für eine Grossfamilie und wir deuten Chuar-Tsip er soll mit uns essen. Er erklärt gestikulierend dass wir seine Gäste seien, faltet die Hände und strahlt uns an. Wir sind irritiert und gerührt zugleich und laden ihn nochmals ein, mit uns zu essen. Er esse kein Fleisch er sei gläubiger Buddhist, er respektiere jedes Lebewesen und wir seien seine Gäste. Während wir mit viel Appetit essen, kritzelt er sorgfältig in tibetischer Schrift etwas auf ein Blatt Papier. Wir sollen jemanden zum Übersetzen suchen, es sei eine persönliche Nachricht für uns beide, sagt er und übergibt uns den Zettel. Wir bedanken uns für seine Hilfe, Gesellschaft und die Nachricht und wollen unser Essen bezahlen. Nein, wir seien seine Gäste, wir dürfen nichts bezahlen! sagt Chuar-Tsip und auch die Frau will kein Geld von uns nehmen. Nun, da gibt’s nichts zu machen, wir bedanken uns herzlich für das grosszügige Geschenk und wollen uns von den lieben Menschen verabschieden. Doch auch auf der Suche nach einer Unterkunft begleitet Chuar-Tsip uns und handelt für uns einen besseren Preis für das Zimmer aus, denken wir!! Als wir dann uns Registrieren und das Zimmer bezahlen wollen kommt unser Freund uns schon wieder zuvor. Uns ist diese Grosszügigkeit nicht mehr recht und wir wollen ihm das Geld für das Zimmer zurückgeben, was er kategorisch ablehnt. „Ihr seid meine Gäste, ihr macht mich glücklich wenn ich euch etwas schenken darf“, faltet die Hände und strahlt. Wir fühlen uns schlecht, ich kann mir denken dass unser Freund weniger besitzt als ich auf meinem Velo herum schleppe und habe Mühe diese Grosszügigkeit von Chuar-Tsip anzunehmen, doch was bleibt uns übrig? Ich spüre dass es für ihn enorm wichtig ist, uns dieses Geschenk machen zu können, dann ist auch er „happy“.
Wir ziehen ein und geniessen die heisse Dusche, die wohlige Wärme und begreifen langsam aber sicher was die Tibeter für feine, liebenswerte Menschen sind und sie friedvoll mit ihrer Religion leben können.
Am Morgen steht unser Freund mit dem Velo parat und führt uns in ein kleines Restaurant zum Frühstück. Es gibt gekochte Eier, Manta, Mais-Reissuppe, Tsampa und geraffelte Ruebli. Als wir bereit zum Aufbruch sind begleitet Chuar-Tsip uns bis zum Dorfausgang, bedankt sich für unseren Besuch und sagt wir sollen wiederkommen. Er werde beten für uns, dass wir uns Wiedersehen können, faltet seine Hände und neigt den Kopf. Gerührt von der Güte unseres tibetischen Freundes rollen wir Richtung Osten, in Gedanken versunken strampeln wir so dahin. Nach kurzer Zeit machen wir Halt bei einem Kloster und wollen uns den Tempel anschauen und geraten mitten in eine Gebetszeremonie. Das wir willkommen sind spüren wir sofort, ein Tibeter deutet uns wir sollen eintreten, schon habe ich eine kleine Schüssel in der Hand, Streichhölzer, Faden und 1 Yuan-Note. Alles Symbole für die lebenswichtigen Dinge im Leben. Dass wir uns auf den Boden setzen sollen gestikuliert eine alte Frau die neben mir kniet und mit einem Mantra singen beginnt. Wir lassen uns Zeit, lauschen dem Sing-Sang, geniessen die friedvolle Stimmung, die vielen Kerzen und beobachten was um uns herum geschieht. Frauen, Männer und Kinder sitzen zusammen, singen zusammen, beten für sich in der Stille und wir sind ein Teil der Gemeinschaft. Das hier ist so echter und ehrlicher Buddhismus was ich hier erlebe, dass ich mich nochmals ganz im Stillen bei der Höheren Macht dafür bedanken will.
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