Ein grosser Traum - Eine Weltreise mit dem Velo

Heimatgefühle(20.01.2012)

Land: zwischen Genfer-und Bodensee/Schweiz

Nach 17 Monatiger Reise sind wir nun wieder in der Schweiz gelandet und werden am Flughafen Zürich von unseren Lieben in die Arme geschlossen. Ein schönes Gefühl, irgendwie wie ein Traum und doch echt. Zuerst fahren wir mit Claudia und ihrer Partnerin Denise ins Friburgische Brünisried, dürfen das Gästezimmer belagern und helfen Jörgs Schwester und seinem Bruder bei den anfallenden Aufgaben für die Beerdigung meines Schwiegervaters. Die Schweiz zeigt sich in diesen Tagen im schönsten Winterkleid, klarer Himmel und Sonne, die Temperaturen liegen aber um den Gefrierpunkt. In unserem Haushalts-Lager im Elternhaus von Jörg in Selzach finden wir noch ein paar Winterkleider und warme Schuhe, um die wir derzeit froh sind. Einen Tag vor Silverster hören wir die Lebengeschichte von Peter Affolter und nehmen anschliessend zusammen mit vielen Freunden und Verwandten am Grab von Jörgs Vater Abschied. Der Wind pfeifft uns um die Ohren, das Wetter wechselt alle paar Minuten, es regnet, dann geht der Regen über in Schnee, dann blässt der Wind den Schnee von den Bäumen und zerzaust unsere Haare und zwischendurch blintzelt die Sonne hinter den Schneewolken hervor. Das Wetter macht meinem Schwiegervater alle Ehre, denn auch er war stetig in Bewegung. Ein Menschen der kaum zur Ruhe kam in seinem Leben, sehr viel gearbeitet hat und jahrelang von einem Bauernhof zum anderen reiste um anfallende Arbeiten wie Bäume schneiden, Kartoffeln einkochen zu erledigen. Nun darf er ruhen und wir hoffen dass er seinen Seelenfrieden gefunden hat.

Das alte Jahr lassen wir ruhig vorüber gehen, es gibt einen feinen Znacht einen guten Rotwein und dann verweilen wir in der gemütlichen Stube mit plaudern und schmausen der legendären "Vacherin-glace". Am ersten Tag im neuen Jahr mache ich mich früh auf für einen Spatziergang rund um Brünisried. Die Luft ist nass-kalt aber es herrscht eine friedvolle Stimmung so dass mir das Tauwetter in dem Moment egal ist. Kein Mensch ist unterwegs und das macht den Moment grad so speziell, "alleine in der Schweiz". Bei meiner Rückkehr werde ich im Blockhaus von Claudia, Denise und Jörg mit frischem Kaffeeduft und Zopf empfangen. 

Nachmittags steigen wir dann in Düdingen/FR in den Zug und rattern nach Frauenfeld/TG zu meiner Schwester Denise und ihrem Lebenspartner Peter. Auch hier werden wir herzlich empfangen, essen fein und dürfen im Gästezimmer logieren. Frauenfeld ist ein zentraler Punkt, von hier aus gehts schnell in alle Richtungen und doch wohnt man auf dem Land. Als Kantonshauptstadt befindet sich hier auch das Strassenverkehrsamt wo wir einige Tage später eine Autonummer abholen. Mein Vater hat vor bald 10Jahren seinen Bauernbetrieb aufgegeben und vermietet nun Lagerplatz für alle möglichen Fahrzeuge und andere Dinge. Unser altes Äuteli hat dort mehr oder weniger die letzten 6 Jahre verbracht und ist, dank Vaters guter Pflege noch sehr gut im Schuss. Beim ersten Versuch den Motor zu starten springt das Opeli an und rollt blitzeblank aus der Garage. Nun sind wir also wieder mobil, denn unsere Velo`s befinden sich immernoch irgendwo zwischen Bangkok und Zürich.

Bei strahlendem Winterwetter marschieren wir von Frauenfeld an der Thur entlang und treffen vor Einbruch der Dunkelheit in Weinfelden ein. Der Versuch Maja bei der Arbeit zu überraschen misslingt allerdings, sie hat heute frei und nutzt die Gelegenheit natürlich zum Skifahren irgendwo in den Bergen. Zwei Tage später sind wir dann bei ihr zu einem feinen Zmittag, "Chäääs-spätzli" hhhmm eingeladen und geniessen gemütliche Stunden zusammen mit meiner lieben Freundin und ihrer jüngsten Tochter.

Mit Julia, Jörg`s Götti-Maitli stehen wir am andern Tag 90 Minuten an der Kasse vom Alpamare an. Wir Drei wollen baden gehen und über die tollen Rutschbahnen flitzen. Auf diese Idee sind aber an diesem verregneten und stürmischen Tag noch viele andere gekommen, deshalb ist das Bad überfüllt und laut. "Willkommen in der Schweiz" geht mir grad durch den Kopf, der Vergnügungsbedarf der Schweizer ist sehr gross und da es draussen stürmt und "suddlät" wärmen sich heute mind. 500 Badegäste im warmen Wasser.  

Jörg`s bester Freund erklärt sich bereit uns das Fahrzeug MFK-tüchtig zu machen und wir sind ihm dafür sehr dankbar. Da meine Mutter an diesem Wochenende Geburtstag feiert fährt Jörg zu Stefan ins Prättigau und ich nach Hallau zu meiner Mam. Wir beide geniessen die Stunden zusammen, erzählen von früheren Zeiten und neuen Erlebnissen. Die Zeit zusammen mit meiner Mam tut uns beiden gut und bei Kerzenlicht, Tee und selbstgebackenen Guetzli vergehen die Stunden viel zu schnell.

Zu schnell vergeht auch der lustige Zugfahrtstag mit Elfi, Walter, Ellen, Jörg und mir. Trotzdem dass wir schon um 6Uhr am Bahnhof stehen und mit dem Zug über Zürich, Bern nach Brig ins Wallis gelangen, vergeht der Tag viel zu schnell. Von Elfi kriegt jeder "Tour-gast" ein GA-Billet und ein Lunch-packet mit vielen gluschtigen Sachen drinn. Wir haben zwar vor lauter "traschten" kaum Zeit zum essen, so viel haben wir uns zu erzählen und so tolle Eindrücke sammeln wir in der frischverschneiten Bergwelt des Furka-und Oberalpgebiet. Kurze Pause in Andermatt wo an diesem 11.Januar schon fast arctisches Klima herrscht. Dann gehts weiter durch die Wintermärchenlandschaft über Chur nach Arosa, einmal halb um den See und dann wieder hinunter ins bündnerische Rheintal. Es gäbe einen riesigen wunderschönen Ferienprospekt mit all den schönen Ausblicken die wir an diesem Wintertag erhaschen. Die Liebe zu den schweizerischen Alpen flackert an diesem Tag neu in mir auf und ich krieg grad Herzklopfen wenn ich das schreibe. Doch nochmehr bedeutet mir die Freundschaft und die Herzlichkeit meiner Freunde die, trotzdem dass wir schon 6 Jahre Vagabunden sind immernoch für uns da sind, wir sofort wieder den Draht finden und sich in der freundschaftlichen Beziehung nichts verändert hat.

Ich geniesse es auch sehr spontan Abmachungen mit meinen Schwestern zu machen, zusammen durch die Gassen schlendern, in einer Bar stundenlang zu plaudern, Essen gehen oder bei lieben Verwandten unsere gemeinsame Vergangenheit zu durchstöbern. "Alte Zöpfe" aufzuwickeln, in guter Erinnerung an unsere längst verstorbenen Grosseltern zu denken und lachen über Streiche in der Kindheit.    

Im Appenzellerland verbringen wir das zweite Wochenende des Jahres 2012, werden von Ellen`s Kochkünsten so richtig verwöhnt und geniessen zusammen mit Franz und Ellen ein winterlich-sonniges Wochenende. Die Sonne ist schon so warm dass wir uns am Sonntagnachmittag in den Liegestuhl legen, Glühwein trinken und die Nase gegen den Kronberg strecken. 

Mein Vater feiert Mitte der Woche seinen 75.Geburtstag und ich möchte den alten Herrn gerne Überraschen. Die Wassergymnastik, die er seit Jahren besucht will er aber nicht sausenlassen. Recht hat er, so beginnt unsere Odysee erst am Nachmittag. Im Estrich habe ich zwei Davoser-Göggel = Schlitten gefunden und mit diesen werden wir heute über den Schnee sausen- Dafür müssen wir aber erst Schnee finden, denn im Flachland ist`s mehr frühlingshaft als Winter. In Gonten, nach einer interessanten Fahrt durch das Appenzellerland wo mein Vater zu fast jedem Ort eine Geschichte von längst vergangenen Zeiten seiner Militärkariere zu erzählen hat, marschieren wir dann den Berg hinauf. Schon bald sehe ich mein Vater nur noch von hinten, er saust die Piste hinunter wie ein 20-Jähriger, unten angekommen wartet er dann ganz brav bis ich auch ankomme denn das Aufstehen vom Schlitten bereitete ihm etwas Mühe. So wie ich sehe, ist dies eine willkommene Überraschung für ihn, denn er lacht und strahlt wie ein Lausbub. Ellen und Monika treffen wir unten am Pistenrand, die beiden nutzen die Sonnenstunden für einen ausgiebigen Spatziergang. Dann verschwindet die Sonne hinter dem Berggipfel und wir wärmen uns die Finger im Restaurant an einem richtigen Kafi-Luz. Unsere Überraschungsfahrt ist aber noch nicht zu Ende, wir fahren zu meiner ältesten Schwester, nur schnell "Hoi" sagen erkläre ich Vater, doch der feine Duft aus Karin`s Küche verrät schnell dass auch sie eine Überraschung für ihn bereit hat. Erst spät am Abend fahren wir nach Hause, den Bauch voll und müde Beine von unserer Schlitteltour.

Eine Zugsfahrt nach Klosters nehme ich gerne auf mich und treffe dort, nachdem der Zug am Bahnhöfli Saas einfach vorbeigerollt ist Christine, eine gute Kollegin von mir. Wir haben vor vielen Jahren zusammen auf Parsenn gearbeitet und immer wenn ich die letzten Jahre Schweiz verlassen habe bemerkte ich dass ich sie nicht treffen konnte. Diesmal solls anders sein, und wir haben uns demzufolge sehr viel zu erzählen. Ihre zwei Mädchen sind mittlerweile erwachsen geworden und stehen mit allen Freuden und Aufgaben mitten im Leben. Arno geht noch ein paar Jahre zur Schule und bereitet mit seiner speziellen Art Christine und den Schwestern sehr viel Freude. Gegen Abend setze ich mich wieder in die RHB und rattere aus dem Prättigau Richtung Zürich, Solothurn nach Selzach wo mich Jörg am Bahnhof abholt. Er hat in diese Zeit zusammen mit seinem Götti-Buab Matthias die Pisten von Balmberg unsicher gemacht. Ich habe bei den beiden nachgefragt wie ihr Tag denn so verlaufen ist, bekam aber keinen Komentar, nur "das isch Männersach"! 

Eine staubige Aufgabe haben wir am anderen Tag zu erledigen. Im Elternhaus von Claudia,Jörg und Stefan haben wir noch einige Dinge von denen wir uns damals 2006 nicht trennen wollten. Mittlerweilen sind die Kisten halbleer oder so verstaubt und wir wissen gar nicht mehr was wir noch alles besitzen. Sortieren wollen wir den Haufen Material, ordnen und neu kennzeichnen damit wir bessere Übersicht kriegen. Spät am Abend kommen wir aus dem Lagerraum, die Haare voll Spinnnetz und Staub, die Arme müde vom umladen und stapeln. Aber nun wissen, dass wir immernoch viele Dinge im Lager haben die wir eigentlich nicht brauchen. Vor 6 Jahren dachte ich dass wir alles weggegeben haben und nur noch einen simplen "2- Personen-Haushalt" haben. Nach dem Leben auf dem Velo kommen mir diese paar Dinge als viel mehr vor, Sachen die ich auf der Veloreise nie vermisst habe, galten vorher für mich als unabdinglich. 

Mit einem bis zum Dach vollen Äuteli fahren wir wieder Richtung Ostschweiz, verabschieden uns von unseren Lieben in Selzach und Brünisried und kommen gerade rechtzeitig zu Vater`s 75. Gebrutstagsfest. Es gibt viel zu erzählen da wir beide das erste Mal seit vielen Jahren an Vater`s Jubiläum teilnehmen können. Cousinen und Cousin, Tanten und Onkels, Nichten und Neffen und natürlich meine wunderbaren Schwestern sind dabei. Ich geniesse es eigentlich mal wieder an so einem Treffen zu sein und die Geschichten von "damals" lassen mich in meine Kindheit abtauchen. Mit vollem Bauch machen wir uns dann auf nach Frauenfeld zu Denise und Peter wo wir den letzten Abend in der Schweiz verbringen werden. Doch vorher haben wir noch etwas ganz anderes vor. Im Radio DRS3 dürfen wir ein Interview geben, das Thema heisst "weit weg" und dies werden wir ab morgen wieder sein. 

Wir haben uns nach vielem Planen und Umplanen mehr oder weniger spontan entschieden noch einmal in den Norden zu fahren. Wir haben von verschiedenen Seiten in Bardufoss Arbeitsangebote gekriegt und wollen uns nocheinmal von der Weite und der Stille des Skandinavischen Himmel faszinieren lassen. Auch denken wir dass uns so ein arctischer Winter in der Polarnacht Zeit geben kann für die Verarbeitung der vielen verschiedenen Eindrücke die wir in den vergangenen Monaten sammeln konnten. 

Dafür setzen wir uns nochmal 4 Tage ins vollbepackte Auto und steuern Bardufoss/Malselv in Norwegen an. Wir werden ca. 3500km lang im Auto sitzen und uns mal wieder über dies und das unterhalten, Zeit haben wir ja dafür genug. 

Nun sitze ich also schon 12 Stunden im Auto, mein Hinterteil beginnt zu brennen und meine Beine fangen an zu zappeln. Viel Platz für Bewegung ist nicht mehr drinn in dem vollbepackten Opeli, immer wieder machen wir eine Pause um uns ein bisschen mobil zu machen. Gleichzeitig geht mir natürlich alles viel zu schnell, die Welt flitzt an mir vorbei und ich sehne mich nach Fahrtwind, Düfte, Feuchtigkeit, Wärme u.s.w. Wenn ich so an die vergangenen Wochen zurück denke so wird mir klar wie viele tolle Menschen wir auch in der Schweiz kennen, dass unsere Freunde uns immer noch Freunde sind und wir herzlich aufgenommen wurden als ob wir niemals weg waren. Das ist eines der schönsten und wertvollsten Geschenke dass ich jemals erhalten habe und diesen Schatz möchte ich gerne wahren. So viele Stunden haben wir zusammen gelacht, geschlemmt, flaniert und spatziert, geplappert und uns Geschichten aus dem Leben erzählt. Ich merke grad dass mit jedem Kilometer den wir weiter nördlich fahren eine Sehnsucht in mir aufflackert. Dann wird mir auch bewusst welche Menschen ich sehr gerne besucht hätte, die Zeit aber einfach zu kurz war. Dann denke ich an die Momente wo ich mich im eigenen Heimatland fremd und so deplatziert vorkam. Häuser wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, ganze Stadt-oder Dorfteile neu aufgebaut und total verändert wurden und zeitweise die Grenzen von einer Stadt zur andern kaum mehr sichtbar sind. Dann kommt mir die nette Beamtin am Bahnhofsschalter in den Sinn die mir ganz ausführlich und fachkompetent den Fahrplan, verschiedene Billettypen und den Automaten erklärt. Wo gibt`s denn sowas? Dann aber erinner ich mich dass die Hektik und der Stress in der Schweiz unheimlich zugenommen hat und ich wahrscheinlich dem Druck der auf jedem Arbeitnehmer lastet nicht mehr standhalten könnte oder möchte.  

So schwebe ich im Moment ein bisschen zwischen Stuhl und Bank, oder eben zwischen Norwegen und der Schweiz. Was uns so alles geschieht auf 69°30`north und wie es bei uns weitergeht lest ihr bald auf dieser Seite. 

 

       

 

            

zurück   zur Galerie
created by peebee