Ein grosser Traum - Eine Weltreise mit dem Velo

Einsteigen-Aussteigen-Einsteigen(08.09.2011)

Land: Kasachstan/Xinjiang China

 

Almaty Kasachstan/Urumqi Xinjiang/Yiaiuguan Gansu /West China
Nach einigen Tagen Ruhe und Entspannung im Yamalia`s B&B in Karakol im Nordosten von Kirgistan fühlt sich Jörg wieder fit für die Weiterreise. Zwar einige Kilos leichter als zu vor, denn ihm hatte die Magen-Darmgeschichte jeglichen Appetit geraubt, aber umso mehr unternehmungslustig für die kommende Überfahrt nach Kasachstan. Unser Kirgistan Visum läuft in 2 Tagen ab und um termingerecht das Land zu verlassen steigen wir in den Nacht-Bus nach Bishkek. Der Verlad der Velos lässt uns beiden kurz die Haare zu Berge stehen, zu chaotisch, zu laut und zu nervös kommen mir die vielen Leute um den Bus herum vor. Einer der Gepäcksverantwortlichen, der mir von Anfang an nicht sympathisch war schreit uns die ganze Zeit nur an, will immer mehr Som für das Bagage und geht mit unseren Velos sehr unsanft um. Im gleichen Ton wie er mir entgegen kommt gebe ich ihm zurück, ein ziemlich schlechter Start für die 7-Stündige Fahrt nach Bishkek. An der Endstation sieht es im Laderaum vom Bus so aus; voller Kartoffelsack über Kartonschachtel, demolierter Koffer, dazwischen Plastiksack aus dem gelbliche Flüssigkeit rinnt und ganz unten, unter dem Haufen liegen unsere beiden Velos…….Der der für das Gepäck eigentliche verantwortliche Man steht nun mit den Händen im Hosensack neben dem Bus und schaut uns Passagieren zu, wie wir unsere Sachen aus dem Bus-Stauraum entwirren und will doch tatsächlich nochmals 100 Som extra für die Velos. Jetzt wird`s auch dem geduldigen Jörg zu bunt und auf gut „solothurner-düüsch“ macht er ihm klar dass es nun vorbei sei mit „seinem Geschäft“………..Gottlob ist nur alles ein bisschen verbogen und natürlich dreckig, Jörg bringt mit einigen Handgriffen alles wieder ins lot und ich mache das Gepäck mit einem Lumpen sauber.
Zollabfertigung
Unser Chauffeur der uns nach Almaty bringt ist dafür sehr nett und behilflich beim Verladen unseres Bagage. Auch an der Grenze hilft er uns mit den Kontrollen, damit wir nicht alles durch die Halle tragen und schieben müssen organisiert er die Zollabfertigung gleich beim Auto. Tasche um Tasche wird von den 4 Zöllnern kontrolliert, was ist das?, wofür braucht man dies?, was ist da drin?, u.s.w. Um die Mittagszeit rollen wir in der ehemaligen Kasachstan Hauptstadt ein, eine Stadt die uns nach den Städten in Zentralasien sehr modern vorkommt. Die Kasachstan-Regierung hat vor einigen Jahren in die im Norden liegende Stadt Astana, eine futuristische Stadt in der Wüste bezogen. Trotzdem hat Almaty an Bedeutung nicht viel verloren, hier gibt es allerlei Westliches zu kaufen, Maggie, Knorr, Danone, Ferrero und sogar Riccola. Grelle Leuchtschrift Reklamen blinken in der Nacht, und sogar über ein Tram-Verkehrsnetz aus der früheren Sowjetzeit verfügt die Stadt. Es ist ein Feiertag, ich glaube der 20. Verfassungstag der Demokratischen Republik Kasachstans, überall in den Strassen sind Paraden, Ansprachen und viel Volk ist unterwegs. Von all den Stan-Ländern ist dies das meist entwickelteste und reichste, Kasachstan verfügt über so viel Erdöl-Reserven dass die ganze Welt für ein Jahr versorgt werden könnte! Mit der Umwelt wird leider nicht so zimperlich umgegangen, die Wüste gleicht mehr einer ramponierten Mondlandschaft.
Grenzübergänge sind im Normalfall fast immer gleich und meistens unkompliziert. Nicht aber der nach China! Von anderen Radfahrern haben aber wir gehört, dass wir für die Überfahrt der Grenze von Kasachstan nach China in einen Bus steigen müssen. Kein Privatauto, Wohnwagen, Motorrad oder Fahrradfahrer darf selbstständig die Grenze passieren. Mit unseren vielen Taschen und den Velos könnte das problematisch werden, deshalb steigen wir schon in Almaty in den Bus der uns durch die karge Wüste zur Grenze chauffiert. Eine bequeme Idee, denn der Bus verfügt über 28 Liegebetten, hält auf Wunsch an und im späten Nachmittag stehen wir dann vor dem Stacheldrahtzaun. „Alle Man raus aus dem Bus und mit dem Pass in einer Einerkolonne einreihen“! Lautet der Befehl des Chauffeurs. Natürlich verstehen wir kein Wort und machen nur nichtsahnend den anderen Passagieren alles nach. Daneben drängeln sich zu dieser Zeit viele Leute mit Gepäck und mit dem kasachischen Pass winkend. So stehen wir alle draussen vor dem Bus, ein Uniformierter kontrolliert die Pässe und einer nach dem anderen darf wieder einsteigen. Sobald alle bisherigen Passagiere sich wieder auf ihren Plätzen niedergelassen haben füllt sich der restlich Platz im Bus mit stehenden Fahrgästen. Bauch an Bauch stehend drängeln sie sich in den Bus, es wird heiss, laut diskutiert und die Luft im Bus immer dicker. Mit unserem vielen Bagage und dem Velos wären wir wohl nicht so schnell von hier weiter gekommen. Von jetzt an sind wir eine Gruppe von ca. 60 Leuten, fahren die 2 Km zur Grenze, laden alles Gepäck aus und stellen uns mit den bepackten Velos in der Kolonne am Ende an. Der nächste Bus trifft ein und massenhaft Leute strömen auf uns zu. Es wird geschupst, gedrängelt und gestossen, drinnen höre ich lautes Geschrei das mich gleich an unseren unfreundlichen Kirgisischen Chauffeur erinnert und ich krieg Schweissausbrüche deswegen, oder waren das die ersten Wallungen?? Egal, aber ich bin heilfroh als ein Beamter uns mit den Velos aus dem Gedränge lotst, wir die Velos nach der Passkontrolle abstellen können und dann als Fussgänger durch die Kontrollen gehen können. Dann verladen wir alles Bagage wieder in den Bus um die nächsten 2 Kilometer im Niemandsland zu fahren und laden wieder alles Gepäck und die Velos aus. Dank modernster Technik müssen wir hier nicht lange warten, um jeglichem Gedränge vorzubeugen lassen die Chinesen nur eine kleine Anzahl von Leuten zu den Schaltern und danach müssen wir auch keine der Taschen auspacken, die sind längst gescannt und eingelesen worden. Alsbald alles wieder im Bus versorgt ist geht es dann ins nächste Dorf zum Essen. Wir schnaufen auf und denken dass wir es nun geschafft haben, Jupie!! doch das Abenteuer beginnt hier erst.
Keine Gourmet-stube
„Lagman“, die Nudelsuppe mit dem frischen Gemüse und dem Sojageschmack ist wirklich gut, obschon das Lokal nicht gerade eine Gourmet-Stube ist. Eher eine Massenabfertigung für den Bus-Tourismus, doch die Suppe wird frisch zubereitet und der Eindruck der Küche macht einen sauberen Anschein. Die Toilette dagegen weniger, hinten im Hof zwischen Hühner und Maisstengel steht ein wackliger Bretterverschlag mit einem Loch im Holzboden, wo man die „Geschäfte“ der letzten 100 Gäste begutachten kann. Es empfiehlt sich mit geschlossenen Augen auf`s stille Örtchen zu gehen.
Sprach-Labyrinth
Morgens um 6Uhr hält der Bus dann irgendwo in der Stadt Urumqi vor einem riesigen Kasachischen-Russisch-Chinesischen Hotelkomplex, lädt uns noch in der Dunkelheit aus und der Chauffeur macht uns beiden einzigen nicht Asiaten per Handzeichen klar, dass hier Endstation ist. So sitzen wir dann, müde und etwas irritiert auf der breiten Treppe vor dem Bunker, stellen die Velos zusammen und haben keine Idee wo wir sind, resp. wohin wir sollen. Erst einmal schlafen möchte ich, also versuche ich ein Zimmer zu mieten. Das Vorhaben ist aber ohne chinesische, uighurisch oder russische Sprachkenntnisse fast unmöglich und ich drängle mich mit vielen anderen müden Reisenden an der Rezeption. Wieder mit Handzeichen und gegen Barzahlung von 720 Yuan kriege ich dann irgendwann das Zimmer 708. Auf meine Frage, wohin mit den „Velosiped“ kichern die jungen Frauen an der Rezeption nur. „O.K., mir soll es recht sein, dann nehmen wir sie aufs Zimmer“, sage ich und kichere zurück. Minutenspäter schieben Jörg und ich die Velos über den blitzblank-polierten Boden der Hotelhalle. Da kommen sie von allen Seiten, der Nachtportier von draussen, der Aufsichtsmann von drinnen, die kichernde Rezeptionistin, der Lift-Boy und die Putzfrau! Auf das laute „niet-niet-niet!!“ und verweisen nach draussen bleiben wir beide einfach stehen und sehen uns Kopfschüttelnd an. Nach einer Weile heftiger Diskussion bekommen wir im Gepäcksaufbewahrungsraum einen Platz für die Velos. Das Zimmer im 7. Stock ist sauber und riesengross mit allem möglichem Luxus und als die letzte Tasche im Zimmer steht fallen wir auf das Bett mit schneeweissen Leintüchern und schlafen sofort ein. Ein paar Stunden später versuchen wir uns an der Rezeption zu orientieren, wo um Himmelswillen sind wir hier gelandet? Kein Mensch spricht hier englisch, erst im Internet-Café im Keller finden wir nach 2 Stunden googlen heraus, dass wir im Western Region International Trade City Hotel gelandet sind. Einem beliebten Platz für Russisch, Kasachisch und Chinesische Handelsabwicklungen. Das Hotel ist für asiatische Verhältnisse teuer, umgerechnet kostet das Zimmer USD 100.- ohne Frühstück/Internet oder sonstige Extras. Doch hier geht’s her und zu wie im Bienenhaus. 24 Stunden non-Stop check-in/out und draussen auf dem grossen Vorplatz johlt russische Marschmusik von einem der scherbelnden Lautsprecher. Die Auswirkungen von „Made in China“, und das ist nicht nur hier im Hotel spürbar wie sich später herausstellt, sondern die ganze Stadt boomt, blinkt, singt, lärmt, kopiert, produziert und pulsiert.
Nachdem wir uns über Google etwas ortskundig gemacht haben machen wir uns auf um die Stadt zu erkunden und den Weg hinaus aus dem Zentrum zu finden. Die Russische Atmosphäre verflüchtigt sich je mehr wir in die Innenstadt kommen, hier ist die echte China-Town. Niemand spricht mehr Russisch, natürlich auch nicht Englisch, hier ist auch fast nichts in lateinischen Buchstaben angeschrieben. Nur die grossen Strassennamen und ab und zu Reklameschriften sind in unserer Schrift lesbar. Der Verkehr hält sich in Grenzen und läuft, ganz anders als in Kirgistan und Kasachstan sehr ruhig von dannen. Doch was nützt uns das wenn wir keinen Stadtplan haben, wir nicht wissen in welche Richtung wir fahren sollen und die Stadt mit ihren 2.5 Millionen Einwohnern ist wirklich ein Labyrinth. Nur sehr langsam und mühsam kommen wir mit unseren Recherchen vorwärts, planen und beraten uns, wie wir weiterfahren wollen, stossen immer wieder an die sprachliche Barriere, selbst Essen bestellen ist jedes Mal eine gewagte Angelegenheit mit ungewissem Ausgang. Glücklicherweise mögen wir beide chinesische Küche und bislang hat das Essen auch immer geschmeckt, manchmal etwas „schweisstreibend“ aber gut. Und wie es so heisst, gutes Essen hält Leib und Seele zusammen.
Von weitem Auffällig
In Urumqi gibt es nicht viele „langnasige“ Touristen, deswegen begegnen uns die Passanten immer etwas erstaunt, wir werden genauer gemustert jedoch immer mit einem freundlichen Lächeln. Mit Hilfe einer englischsprachigen Frau die im Hostel With Birch arbeitet bekommen wir nützliche Informationen über die Busstation und sie schreibt auf einen Zettel, natürlich in chinesischer Schriftzeichen „bitte 2 Bus-Billet nach Jiayuguan & 2 Velos und Gepäck. (With Birch Youth-Hostel No.186, Nanhu south Road Urumqi Xinjiang) Mit dem Papier und dem ausgedruckten „google“-Stadtplan in der Hand finden wir dann den Busbahnhof und treffen dort die muntere Lin-Lan. Sie sieht uns „Kakadus“ schon von weitem an dass wir etwas verloren sind, wackelt uns hinterher und tippt mit ihrem Zeigefinger auf unsere Strassenkarte. „Ah, du willst wissen wohin wir fahren möchten“, clever, clever! Jörg zeigt ihr auf der Karte unsere Wunschdestination und erklärt ihr mit Händen und Füssen, dass wir morgen fahren möchten. Dann marschiert sie plaudernd vor uns und führt uns zu einem kleinen Büro im Busbahnhof. Nach nur 10 Minuten Gestikulation wieder mit Händen und Füssen sind wir im Besitz zweier Billete und bedanken uns bei Lin-Lan für ihre nette Hilfsbereitschaft. Die kleine Frau marschiert wieder in die andere Richtung und regelt unterwegs mit ihrer lauten Stimme noch dies und das auf dem Busgelände.
Wir wollen in den Osten von Tibet und da die Tibet-Hochebene über 4000Meter liegt sollten wir besser nicht erst im Winter dort oben ankommen. Demzufolge steigen wir nochmals in den Bus und lassen uns am nördlichen Rand der Taklamakan Wüste bis nach Jiayuguan in der Provinz Gansu chauffieren. Vom Fenster aus sehen wir den Zustand der Strasse der unsere Entscheidung nur bestätigt. Hunderte von Kilometern holpert der Bus durch eine Baustelle, es staubt und scheppert, und schwere Strassenbaumaschinen arbeiten sich durch die einsame Wüste.
In Jiayuguan sind wir dann als Velofahrer nicht mehr alleine, die Chinesen bewegen sich und transportieren ihre Ware in der Stadt hauptsächlich auf dem Drahtesel. Doch wir beide sind bald die einzigen die hier noch trampen, das Elektrovelo ist voll Trend im Westchina und wer früher mühsam sein schweres 1-Gangvelo fortbewegen musste, gibt heute einfach nur Gas und Tschüss! Schön ist es einfach dass dieser Zweiradverkehr kein Lärm produziert, die Stadt Jiayuguan ist ruhig und der Verkehr läuft organisiert.
The great wall Hier treffen wir auch auf das Ende der chinesischen Mauer welche 25`000Km, vom Pazifik bis fast an die Grenze zu Zentralasien durch das Land zieht. Wir machen einen ausgiebigen Fussmarsch und steigen die vielen Treppenstufen hinauf zu den Wachtürmen. Von denen aus gibt es eine tolle Aussicht über das weite Land, bis in die Inner- Mongolei im Nord-Osten, die im Süden liegende verschneite Berge der Qintan Shan Kette, doch leider auch das qualmende Industriegebiet am Rande der Stadt Jiayuguan. Schon bei der Hinfahrt zur chinesischen Mauer steigt uns dauernd unangenehmer Geruch in die Nasen und kratzt in den Atemwegen, nun wissen wir woher der Gestank kommt. Der Wind bläst zum Glück Richtung Osten sodass wir bald besser Luft haben, aber die Bewohner der Häuser am westlichen Stadtrand müssen diesen Smog dauernd einatmen.
Auf der Mauer werden wir nicht selten von Chinesischen Touristen fotografiert und oft beglückwünscht. Manch einer bleibt vor uns stehen, schaut uns etwas irritiert an, zieht dann wortlos den Fotoapparat oder das Handy und knippst uns ab. Andere gehen ein paar Schritte mit uns und sprechen wie wild auf uns ein. Natürlich verstehen wir kein Wort und auch die Texte auf den Tafeln sind in chinesischen Schriftzeichen. Trotzdem erhalten wir einen Einblick in die Ming Dynastie und schwelgen einen Tag lang in einer längst vergangenen Zeit chinesischer Geschichte. Zum Z`Mittag gibt’s heute einen grossen Topf „Chinese Noodle-soup“, klar ist das „fast food“ aber die Becher sind ganz praktisch für uns als Mahlzeit unterwegs und meistens schmecken sie auch. Am Abend gibt’s dann richtig viel zum Futtern, die chinesische Küche ist zum Glück so vielfältig und reichhaltig dass wir uns hier richtig auffuttern können.
 
 
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