Ein grosser Traum - Eine Weltreise mit dem Velo

Herbstgold über Sichuan(23.10.2011)

Land: Sichuan/ China

 

Herbstgold über Sichuan
Die Umgebung verändert sich sichtlich, die Berge werden zu Hügel, grüne Wiesen zu goldgelben, Büsche in rostroten Farben, orange-gelb leuchtende Blätter und die Temperatur steigt an. Auch die Yurt verschwinden, grosse Häuser mit hoher Lehmmauer ringsum sehen von weitem aus wie Burgen. Auf den Mauern liegt das Gras und Korn zum Trocknen. Das Tal wird immer breiter, Getreidefelder die zu auf dieser Höhe im Oktober natürlich brach liegen, wechseln sich ab mit Weideland. Der Verkehr auf der Strasse nimmt suggestiv zu, mehr Lastwagen, Traktoren, Busse und Autos die sich die Strasse teilen müssen. Wir kommen nahe an den Stadtrand von Aba wo uns eine Polizeisperre mit ziemlich radikalem Equipment stutzig macht. Wir haben schon gehört, dass sich hier vor ein paar Tagen 2 buddhistische Mönche aus Protest für ein Freies Tibet umgebracht haben. Dies ist nicht ein Einzelfall, immer wieder geschehen solche schlimmen Aktionen um auf die Menschenrechtsverletzung und Diskriminierung, die China tagtäglich begeht aufmerksam zu machen. Dass diese traurigen Ereignisse aber solche Folgen für die Bevölkerung der ganzen Stadt haben, erstaunt uns sehr. Seit 2008 sind hier die Polizei und das Militär präsent und kontrolliert die Bewohner und Passanten äusserst genau. Wir rollen hinein in das Zentrum von Aba und sehen überall bewaffnete Militär- und Polizeimänner mit Schutzschildern, Panzerfahrzeug, Wasserwerfern, Waffen und Sperren, es herrscht eine Art Kriegsstimmung hier. Dazwischen aber quietschen alte Ritschkas und Motorräder durch das Gedränge, bunte Tibeter gehen ihres Weges, da ein Heuwagen, es herrscht ein richtiges Durcheinander und irgendwie macht mich das total konfus. Wir haben, wie immer Hunger und steuern deshalb ein Restaurant am Strassenrand an. Schon steht ein bewaffneter Chinesischer Polizist neben mir; „whats up“? „Häää??“ „What are you looking for?“ „Aha, wir suchen ein Restaurant wo wir essen können, wir sind hungrig!“ Skeptisch schaut mich der Polizist an, deutet dann aber dass wir hier „Food“ kriegen können und verschwindet.
Alle Informationen
Wir sitzen in dem einfachen Lokal und haben gerade mit Bildern und Gestikulation Essen bestellt, da kommt ein anderer Polizist ins Restaurant, stellt sich als Jian vor und sagt er brauche alle Informationen über uns. „Alle Informationen, für was?“, denke ich, verhalte mich aber still und lasse Jörg antworten. Der Polizist spricht gut verständliches Englisch und befragt uns ziemlich lange. Wann wir in China eingereist sind, welche Provinzen wir schon von China gesehen haben, wo wir gestern waren, warum wir hier sind, was wir arbeiten, ob wir für die Medien schreiben, wie lange wir in China bleiben wollen, wohin wir anschliessend fahren, wann wir die Stadt verlassen werden, usw. Dann notiert er unsere Pass- und Visanummern und erklärt, dass wir im nahe gelegenen staatlichen Hotel Shenzou sicher seien. Wir beide schauen uns etwas verwundert an, „sicher“? „Wir fühlen uns auch so sicher und werden schon eine geeignete Unterkunft für uns finden!“ „Nein!“ sagt Polizist Jian jetzt sehr bestimmt, ihr müsst in dieses Hotel, das ist das einzige Hotel für Fremde, die Zimmer sind schön und kosten zwischen 100-200 Yuan. “It`s for your one safety!“ Wir sind uns überhaupt keiner Gefahr bewusst, haben wir doch ausser der Sache mit dem Velo-Computer nur positive Erfahrungen mit den Tibetern gemacht, was soll denn hier für uns gefährlich sein? Um keinerlei Probleme zu kriegen versprechen wir ihm, dieses staatliche Hotel aufzusuchen und dort zu übernachten. So stehen wir dann später in dem Kommunisten-Bunker, die Dame an der Rezeption will 280 Yuan für ein Zimmer und wir, leider immer noch nicht erfolgreich am Bancomat haben nur noch 200 Yuan im Sack. Blöde Situation und noch blöder wenn man diese einer jungen Chinesin die kein Englisch versteht erklären muss. „Die Polizei sagt, wir müssen hier übernachten“, „o.k. Room No. 402, 280 Yuan, please!“ – „wir haben aber nur noch 200 Y!“- „No, dann müsst ihr euch ein anderes Hotel suchen!“ „Dürfen wir ja nicht, die Polizei sagt wir müssen hier………- Nach einer Stunde hin und her, misslungener Versuch 100 US-Dollar zu wechseln, stillschweigendem Bancomat, kopfschüttelndem Bankangestellten, Telefongespräch mit dem Polizisten- Jian, Gekicher der Receptionistin und überprüfendem Blick des Hoteldirektors haben wir das Zimmer für 200 Yuan und……..schlafen wohlbehütet im 4.Stock des überwachten Bunkers.
Alles unter Kontrolle
Natürlich werden „wir sicher“ überwacht, die chinesische Polizei ist immer präsent, egal was wir tun ob nur schnell in den Supermarkt um eine Kleinigkeit zu posten, oder bei der Besichtigung des Klosters. Am Morgen rollen wir dann, wie versprochen aus der Stadt, sehen die Polizisten am Strassenrand die per Funk unsere Position bekannt geben. Dazwischen heissen uns Tibeter auf den Motorrädern willkommen, Mönche grüssen uns mit einem freundlichen Lachen, Frauen halten mich an, geben mir die Hand und flüstern mir etwas zu. Eine spannende Situation die mir aber auch etwas Gänsehaut bereitet und ich gerne im Kloster am Stadtrand innehalten möchte. Kaum haben wir die Velos abgestellt, rollt ein Polizeiauto heran und dieser Jian-Polizist steigt aus. Er beginnt über das schöne Wetter zu plappern, was mir aber heute zu blöde ist. Ich dreh mich um und gehe zusammen mit anderen Frauen zu den Gebetsmühlen in das Kloster. Während ich durch den schmalen Gang schlendere und an den vielen Mühlen drehe bete für den Frieden im Tibet, für das Recht auf freien Glauben und freie Meinung. Zusammen mit 4 Tibeterinnen gehe ich durch den Tempel und versuche, das in den vergangenen Stunden Erlebte irgendwie einzuordnen.
Jetzt wird mir auch klar weshalb wir im Hotel Shenzou so „sicher“ waren, die Chinesen hatten uns dort im Visier und wir absolut keinen Kontakt mit Tibetern. Obwohl wir ja die Sprache nicht verstehen, es niemals unsere Absicht war, irgendetwas zu spionieren, geschweige denn noch zu recherchieren, sind die Vorsichtsmassnahmen der chinesischen Polizei sehr gross. Ich finde es schon fast lächerlich, komme ich aus dem Kloster steht da doch schon wieder dieser Polizist-Jian und befragt Jörg über seine Gefühle wenn er in einem buddhistischen Tempel steht!?. Mir reicht es nun, ich setze mich auf mein Velo und radle mit einem chaotischen Gefühlsdurcheinander davon. Es vergeht einige Zeit bis ich die Umgebung wieder wahrnehmen kann und strample in Gedanken versunken hinter Jörg her.
Maushügel
Den nächsten Pass, der mir nach all den 4000-igern der vergangenen Tage eher als Maushügel vorkommt, haben wir vor dem Mittag erklommen und geniessen dort die klare Luft und weite Sicht in die fast endlos goldene Graslandschaft. Bevor wir im nächsten Dorf essen gehen können, werden wir wieder am Polizei Check-point befragt und registriert und diese Kontrollen sollen ab jetzt zum täglichen Ritual werden.
Unser Weg, die Strasse 302 führt in ein schmales Tal mit Nadel-und Laubwald gemütlich dem Fluss entlang. Es ist ein warmer, farbenprächtiger Herbsttag, es duftet nach trockenem Gras, dürren Blättern und wir radeln seit langem wieder mal in kurzen Hosen.
Dann steht Pass Nummer 2 an, in langen Kurven schlängelt sich die Strasse den Berg hinauf, immer näher dem stahlblauen Himmel, kein Maushügel mehr. Trotzdem dass es ziemlich lange aufwärts geht geniesse ich den süssen Duft der Nadelbäume und die Wärme die durch meinen Körper strömt. Oben auf dem Top steht unser Zelt rasch und die klare Sicht über die vielen Bergkuppen werden uns noch lange in Erinnerung bleiben. Die unruhige Nacht auch, denn ein heftiges Gewitter mit Sturmböen fegt uns fast vom Pass. Es regnet dicke Eistropfen und Hagelkörner, der Wind heult zwischen die Planen und peitscht das Nass an die Zeltaussenwand. Unser Stoffhaus „Fjell-hjemme“ ist zwar schon drei Jahre im Einsatz, macht aber dem Namen immer noch alle Ehre. Das Norwegische Berg-heim lässt uns trotz des heftigen Regens und Schnee trocken schlafen und hat dem tobenden Sturm standgehalten.
Ruhig zeigt sich der Morgen, die Gipfel ringsum tragen alle eine frische, weisse Kappen, die Sonne hat sich ihren Platz zurück erobert und Nebelschwaden liegen wie Watte in den Tälern. Nachdem unser Zelt von den Sonnenstrahlen und dem leichten Wind getrocknet worden ist, geht’s für uns mit viel Schuss ca. 1000 Höhenmeter hinunter in`s Flachland. Nicht nur wir ziehen allmählich in tiefere Lagen, auch die Yak-, Schaf- und Ziegenherden werden nun von Cowboy-boys oder Cow-girls auf Pferden ins Tal getrieben. Die Yurt, die das Sommerheim der Bauersfamilie ist wird abgebrochen, zusammen gefaltet auf das Motorrad oder auf ein kräftiges Yak geladen und ins Tal bugsiert. Nachdem wir uns in einem kleinen, verrussten Restaurant gestärkt haben sausen wir mit Rückenwind angetrieben durch Nian Bao Yu Ze Region. Eine weite Sumpf-Graslandebene, die für manche Vogelarten das zu Hause ist. Dunkle Gewitterwolken versprechen auch heute Nacht sich über unseren Köpfen auszuschütten, deshalb quartieren wir uns im nächsten Dorf in einem Hotel ein.
Wir haben Glück, die Regenfront hat sich über Nacht verzogen und wir rollen in die frische Morgenluft mit Sonnenschein. Auch heute erfreuen wir uns über den starken Rückenwind der uns über die goldene Ebene puscht. Dann biegen wir ab Richtung Songpan und strampeln über eine sanfte Hügellandschaft mit genialer Aussicht auf das Ri Gan Qiao Watland, eine riesige Fläche voll von goldenen Grashalmen und durch den Sumpf steigenden Yaks. Am Himmel ziehen dunkele Wolken auf und geben einen fantastischen Kontrast zum goldenen Land. Noch bevor diese sich aber entleeren finden wir ein kleines Holzhäuschen, wo wir es uns bequem machen dürfen. Im Dorfzentrum werden wir von vielen Neugierigen begrüsst und angeschaut, mittlerweile haben wir uns an diese Situation gewöhnt und fühlen uns wohl in dieser Runde. Unsere Schlummermutter brät uns am anderen Morgen Eier und Speck, gute Energie die wir danach auch wirklich brauchen können. Es geht aus der Graslandschaft noch einmal auf 4200Meter und zwar strampeln wir die letzten 200 Höhenmeter mindestens 4 Mal. Die Umgebung wird kahl, die leuchtenden Herbstblätter verschwinden und zurück bleibt eine düstere Moorlandschaft. Dazu verschwindet die Sonne hinter dunklen Wolken und der Wind frischt auf. An unseren Nasen, die nun blau sind messen wir um die 2-5° und das Ende des Passes will und will nicht kommen. Im späteren Nachmittag stehen wir dann vor der Abzweigung zur Lang-Chan-Road die uns ca. 2000Meter in die Tiefe führt. Am Rand des ersten Dorfes frage ich ein junges Mädchen ob es hier eine Übernachtungsmöglichkeit gibt? „Ja“ antwortet sie und auch auf die Frage ob wir hier etwas essen können nickt sie und lächelt freundlich. Wir folgen der Mädchen zu einem Haus und sofort wird uns ein schönes aber nicht geheiztes Zimmer gezeigt, unsere Taschen werden dort hinein gestellt und im oberen Stock bekommen wir Tsampa und Buttertee serviert. Obwohl es schön warm ist am Ofen und ich schnell warme Füsse bekomme wird mir innerlich nicht warm. Die Frau und das Mädchen sind zwar nett doch unterhalten können wir uns nicht. Und da ist noch ein Mann der irgendwie auf der Sitzbank herumhängt, vor sich hin schweigt und uns ignoriert. Ich merke aber dass die Drei über uns reden, uns genau inspizieren und plötzlich ist mir nicht mehr wohl. Wir fragen nach dem Preis des Zimmers und denken zuerst dass dies ein Missverständnis ist. 400 Yuan will die Frau und keinen weniger, sie bleibt stur und die drei lachen wieder. Wir erschrecken regelrecht über den Wucherpreis, 400 Yuan haben wir nicht einmal für ein Luxuszimmer in Xining bezahlt und hier sollen wir Sfr.70.- bezahlen. Die Drei kichern wieder, wir stehen auf bezahlen unseren Buttertee &Tsampa und ziehen wieder aus. Dass wir der Frau 50 Yuan für das Tibetische Nationalgericht, eine Tasse Buttertee mit Mehl und Zucker bezahlen müssen zeigt uns, dass hier etwas nicht stimmt und wir schnell verschwinden wollen. Nach weiteren 20 Km kommen wir an die Kreuzung in Chuanzhusi und gehen auf die Suche nach einem Zimmer, da es schon langsam dunkel wird. Für 200 Yuan kriegen wir ein anständiges Zimmer mit Heizdecken, warmem Wasser und ab und zu ein bisschen Elektrizität.
Pommes-frites in China
Nur ein Katzensprung ist es am anderen Morgen in das lebhafte Songpan, ein Dorf dass vom Durchgangsverkehr regelrecht überrollt wird. Wir haben nur noch die Kleider einigermassen sauber die wir gerade tragen, der Wäschesack überquillt, hier sollten wir endlich mal wieder Geld aus dem Automaten kriegen und Hunger haben wir auch. Nicht ganz in dieser Reihenfolge verläuft unser Tag, erst gehen wir Essen, dann waschen wir unsere Stinkwösch im Hostal Liyi, es gibt da sogar eine gute Waschmaschine. Auf unserem Bummel durch die laute Strasse entdecken wir so manch Interessantes doch das ewige hupen der Auto-und Lastwagenfahrer kann einem schon auf den Wecker gehen. Die Chinesen fahren nämlich wie die Gangster, unerfahren, rücksichtlos, unlogisch, nervös und viel zu schnell, uns wundert es täglich dass es hier nicht mehr zu Blech- und anderen Schäden kommt. Ich komme zum Schluss dass dieses Chaos nur funktionieren kann, weil jeder den anderen respektiert und nicht stur auf sein Recht beharrt, auch wenn er vom Verkehrs-Gesetz aus, wenn es das hier überhaupt schon gibt, Vorfahrt hätte.
Gegen Abend werden wir auch ATM- fündig, der Bankomat akzeptiert hier sogar auch Ausländische Bankkarten und somit sind wir diesbezüglich wieder „mobil“. Am Abend gehen wir vis a vie zu Emmas Kitchen Chinese& Westernfood, ich mampfe Pommes-frites, weil ich mal etwas anderes als Reis oder Nudeln haben will, Jörg bestellt sich ein Curry und zwischen den vielen Stimmen von europäischen Gästen, „alles Langnasen“ verstehen wir kaum unser eigenes Wort. Emma ist eine kleine, fleissige Chinesin die heute ein Geschäft mit hungrigen Holländern und Belgiern macht. Sie ist wirklich auf zack und freundlich, sie sollte aber mal den Koch überprüfen denn wir beide leiden tagdarauf an Durchfall und Magenschmerzen. (Selber schuld, man isst auch keine Pommes-frites in China, oder!?) Ein Tag lang müssen wir uns schonen, das heisst vorsichtig sein mit dem was wir zu uns nehmen, nicht velofahren und viel Tee trinken.
Unter blauem Himmel stampfen wir in die Pedalen und nehmen den Weg zum Jiuzhaigou National Park. Es geht durch ein breites Tal mit prächtiger Aussicht auf felsige Riesen und wir geniessen die laue Temperatur hier auf rund 3000Meter. Eine Familie die so begeistert ist von unseren Velos laden uns ganz spontan zum Z’mittag ein, wir gestikulieren, hantieren, schnabulieren und schmatzen zusammen und haben Spass mit den netten Leuten aus dem Nordwesten China. Später steht unser Zelt mitten im Nadelbaumwald, es könnte ein Platz in der Schweiz oder Kanada sein und nachdem die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, schauen wir noch lange in den endlosen Sternenhimmel. Dann wird`s aber bitterkalt und wir schlüpfen mitsamt der Daunenjacke in den Schlafsack. Die Temperatur sinkt drastisch und am Morgen ist unser Stoffhaus innen und aussen gefroren. Die Wasserflaschen sind alle starr vor Eis, die „Burro`s“ tragen einen weissen Eis-pelz und die Zahnpasta ist nicht aus der Tube zu kriegen. Wir warten bis die Sonnenstrahlen unser Zelt auftauen und trinken in dieser Zeit auf einem Baumstamm in der Sonne heissen Tee. Eine fantastische Bergwelt offenbart sich mit jedem Lichtstrahl mehr und mehr, sind wir in der Schweiz?
Touristisch-Touristisch
Durch ein schmales Tal geht’s dann 50 Km hinunter in das Touristen-überfüllte Jiuzhaigou. Die Fahrt ist wunderschön, gelb, rot und orange leuchten die Birken und Lerchen. Ich kann die Singvögel pfeifen hören und neben mir sprudelt ein klarer Bach. Ein richtig intakter Wald erfreut unsere Herzen, süsser Duft nach Harz und trockenen Blättern steigt in meine Nase. Unten angekommen leuchtet gar nichts mehr, denn wir werden mit unseren Velos nicht in den Park gelassen, müssen in den Bus steigen und uns mit massenhaft Chinesischen Touristen durch die Parkanlage wälzen. Nun, das ist bestimmt nicht unser Wunsch, wir wollten an einem der schönen Seen campieren und die Geräusche der Natur geniessen. Doch was bleibt uns anderes übrig? Entweder wir schliessen uns dem Touri-Strom an, oder wir fahren weiter ohne die türkisfarbenen Seen und Wasserfälle gesehen zu haben.
Klick….klick…klick
So stehen wir dann schon vor 8 Uhr vor dem Tor des Jiuzhaigou- Parkes und wir sind nicht die einzigen die da in der Kälte auf den ersten Bus warten. Kaum ist der Bus voll, schliessen die Türen egal ob da noch einer auf dem Trittbrett steht und jämmerlich eingeklemmt wird und los geht die rasante Fahrt um die Kurven. Wir fühlen uns nicht wohl in dieser Hektik, ich drücke meine Nase an die Scheibe und wäre wirklich lieber auf dem Velo auf Entdeckungsreise. Doch wir vergessen bald dass wir hier in der Masse strabblen, die Sicht auf glasklare, türkisfarbene Seen und Flüsse und absolut intakte Natur die jetzt im Oktober im Herbstgold strahlt bringt uns zum Staunen. Wir hüpfen bei der nächsten Gelegenheit aus dem Bus und machen uns zu Fuss auf um die schönsten Ecken, Wanderwege und Ausblicke im Park auskundschaften. Es wird ein Tag wie im Bilderbuch, der Himmel klart auf und die Sonne bringt die farbigen Blätter wirklich zum Leuchten.. Die Farben im „colurful lake“, die filigranen Pflanzen umspült vom Wasser im Nuorilang Wasserfall, die türkisfarbenen Poole und die klare Sicht bis zu 15 Meter auf den Grund. Oftmals stehen wir sprachlos da und denken dass dieses Paradies das uns vor Augen steht nicht echt sein kann. Doch dann hören wir die vielen chinesische Touristen die munter plappernd von einem Top-spot zum anderen hasten, „Klick, klick, klick…..klick, klick, klick“…….ich weiss es nicht genau, aber wir schätzen dass in dem UNESCO-Weltkultur-Erbe Park mit durchschnittlich 6`800 Besuchern täglich  1`270 390 mal geklickt wird! Klick….klick…klick…und auch wir haben geklickt…..sehe in die Galerie und überzeuge dich wieder einmal von der Schönheit der Natur, sie ist der beste Landschaftsgärtner, Künstler, Architekt und Maler.
Der Tag danach ist ein grauer, verhangener Regentag den wir mehr oder weniger in Hotelzimmer verbringen und unseren Muskelkater in den Waden auskurieren. Einmal mehr wird mir bewusst dass beim Velofahren oder beim Wandern nicht die gleichen Muskelfasern agieren, oh her-je, Dank Arnica-Massageöl schaffen wir es am Abend die Treppe hinunter zum Essen.
Gewirkt hat das Mitteli sehr gut denn am anderen Morgen sind wir fit und rollen unsere Velos schon früh aus der Hotelhalle in den klaren Himmel hinaus. Gemütlich rollen wir dem Fluss entlang, erfreuen uns an den Singvögel die man hier wieder pfeifen hört. Wir haben diesen Weg bewusst gewählt, trotzdem dass wir so einen Umweg nach Chengdu machen. Erstens gibt’s hier keine Touristenbusse und überhaupt nur ganz wenig Verkehr. Zweitens führt die Strasse nochmals durch Tibetische Dörfer mit wunderschönen Häusern und traditionell gekleideten Menschen. Zuerst sind es Steinhäuser mit typischen Drachen-schnörckel- Dach, kleinen Gärtchen vor dem Haus mit Papaya-, Mandarinen- und Nussbäumen drin. Dann verschwinden die Steinhäuser und machen Platz für Bambushholzhäuser, sehr schön und sehr eigen. Für uns geht’s nochmals über 3500 Meter nahe dem blauen Himmel zu, herrlich ist die Sicht in das herbstlich-goldene Tal mit bergiger Kulisse. Dann dürfen wir 80Km hinunter sausen! 80 km keinen Tramp machen, einfach auf dem Sattel sitzen und die Talschaft die an uns vorbei saust geniessen. Erst staunen wir über die steilen Felswände und verrenken und fast die Hälse, dann über die bunten Blätter und Lerchennadeln, dann das klare Wasser im Fluss, dann die Felsbrocken die das Wasser über Jahrtausende geformt und geschliffen hat und zuletzt über die Palmen die auf einmal am Wegrand auftauchen. Wie Aliens kommen mir die tropischen Pflanzen vor, Palmen, Farne, Schilf und Bambus die ab jetzt langsam den Alpinen Wald mit Tropischem vermischen. Nun sind wir definitiv nicht mehr auf dem Hochland, der Temperatur und der steigenden Luftfeuchtigkeit schätzen wir das Dorf Ping Wu auf ca. 1500M.u.M. Die wohnlichen Häuser sind vermehrt aus Bambusholz gebaut, mit Blumenkistchen vor den Fenstern und der chinesischen Flagge auf dem Dach. Das Leben findet hier vermehrt draussen statt, fröhlich geht’s es her und zu hier auf der Plaza, es wird getanzt, gespielt, gegessen, gesungen und ausgetauscht. Hier sind wir wahrscheinlich auch „Pionier-Touris“ denn, kaum angekommen in der Stadt werden unsere Pässe und Visa von der Polizei kontrolliert und fotografiert, während dem stehen schaulustige „Zeugen“ um uns herum. Fast ein Jeder drängelt sich nahe dem Polizisten, der gerade den Pass in der Hand hält um auch mal so ein fremdes Buch gesehen zu haben, die anderen inspizieren das Velo und unsere Gesichter. Kaum ist die Polizei-Inspektion vorbei lächeln alle freundlich „Ni hao-Ni hao“ und wir dürfen das Hotelzimmer beziehen.
Ich erwache früh und setze mich mit einem Tee an das grosse Fenster von dem aus ich eine gute Sicht auf den grossen Platz habe. Die Morgenstunden sind die besten für Bewegung deshalb wird der Platz von zahlreichen Chinesen zum Qi-Gong und Tai-Chi ausüben genutzt. Es geht den Praktizierenden um totales Körperbewusstsein, den Ausgleich der Energie und Kraft und Beweglichkeit zu erhalten. Für mich ist das Zusehen fantastisch, wie konzentriert und koordiniert die Leute die Bewegungen ausführen, passend dazu höre ich im Hintergrund sachte Musik und da eine quitschende Ritschka die ihren Fahrgast zum Arbeitsort fährt. Es ist alles so echt, so richtig chinesisch, so habe ich mir China in meinen Träumen vorgestellt und erlebe diese jetzt hautnah.
Die Berge sind verschwunden und der blaue Himmel auch, wir sind eingetaucht in einen Mix von Abgas, Nebel und Dunst, die Sonne werden wir wohl einige Zeit nicht mehr sehen. Oben Blau, unten Grau so wie im Herbst/Winter in der Schweiz, nur hier sind wir in Chengdu/Sichuan China.
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