Ein grosser Traum - Eine Weltreise mit dem Velo

tropisches Grün(21.11.2011)

Land: Yunnan/Süd-China

 

Tropisches Grün
 
Do you understand me? Yes, Yes…..Yes, Yes…..
Unser dritter Monat vom 90 Tagesvisum in China ist schon längst angebrochen und noch immer sind wir fast unfähig, uns in Chinesischer Sprache zu verständigen. Auch unsere vielerprobte Zeichen-Finger- und Mimik-Sprache findet hier wenig Anklang. Was fast in der ganzen restlichen Welt funktioniert hat, wird von den Han-Chinesen meist missverstanden. So bedeutet z.B. Daumen + Zeigefinger ausgestreckt die Zahl 8, Zeige- und Mittelfinger zusammen sind 2, nur der Daumen heisst 6 und beide Zeigefinger überkreuzt meint 10. Kopfschütteln wird in einigen Regionen als JA, Kopfneigen und heben als NEIN interpretiert. So verwirrend dass es oftmals nicht auszuschliessen ist dass wir ratlos dastehen und uns fragen, wer hier nicht richtig tickt! Doch dann gibt es auch immer wieder kleine Lichtblicke wo wir auf jemanden treffen der Englisch versteht und sich freut, die in der Schule gelernte Fremdsprache endlich einmal anwenden zu dürfen. Innerhalb der Touristengebiete ist dies öfters der Fall, ausserhalb der „Langnasenzone“ eher weniger. Trotzdem dass die Chinesen eher rücksichtslos sind und ihr Benehmen nicht gerade „Knigge“ entspricht, fühlen wir uns willkommen und wohl in dem Land. Ab und zu müssen wir halt ein Auge zudrücken, manchmal auch beide!!
Egal ob auf den verstopften Strassen in den Städten ohne Beachtung der Verkehrsregeln, ungeduldiges Drängeln im Supermarkt an der Kasse, Stadtplan lesen ohne Orientierung, lautstarkes Verhandeln und Diskutieren, dass man meinen könnte, sie streiten sich, in diesem Land läuft es einfach anders. Dann ist unsererseits Geduld gefragt, abwarten, zuhören+ nichts verstehen und gute Miene machen. Irgendwie wird uns dann immer Verständnis mit einem Lächeln geschenkt und zuletzt finden wir uns dann doch  Zurecht in dem „chinesischen Chaos“.
11.11.11 Ein perfektes Chaos auf der Strasse von Issi nach Tonghui veranstaltet eine der vielen Hochzeitsgesellschaften, die wohl alle wegen dem originellen Datum heute stattfinden. Der Konvoi von mind. 15 Autos stoppt mitten auf der Strasse, die Braut wird vom Bräutigam auf dem Rücken getragen, wobei der arme Kerl von seinen Kollegen mit der Peitsche über die Strasse gejagt wird. Die ganze in heiterer Party-Stimmung schwelgende Meute springt kreischend hinterher und natürlich wird das Spektakel gefilmt und fotografiert. Die Autokennzeichen aller beteiligten Autos sind mit pink-rosa Mickey-Maus-Folie überklebt und die Karosserie mit roten Maschen dekoriert. Extrem laut scheppert die Stereoanlage und Jung und Alt macht mit. „Jièhun“! Das ist Heiraten auf Chinesisch. Ein jeder nicht involvierte Verkehrsteilnehmer nimmt längere Wartezeit und Verzögerung in Kauf und wartet geduldig bis das der Konvoi weiter fährt. Nicht auszudenken was in solch einer Situation in der Schweiz passieren würde.
Sellerie und Broccoli
Die Vegetation verändert sich mit dem Übergang von Sichuan in die Provinz Yunnan. Die qualmenden Fabrikschlote verschwinden allmählich und machen Platz für üppiges Grün. Palmen, Eukalyptus, violett blühender Bougainvillea, orangefarbene Lilien und andere exotische Blumen und Blüten am Wegrand erfreuen und machen uns klar, dass wir langsam in den Tropischen Raum Asiens kommen. Ganze Dörfer von Gewächs- und Treibhäusern stehen am Strassenrand. Doch zu unserem Erstaunen ist die Luftfeuchtigkeit gering, die Tagestemperatur um die 25° und ein leichter Wind lässt die Äste und Blätter in den Bäumen tanzen. Das Yunnan-Klima ist sehr ausgeglichen, milde Winter und laue Sommer mit genügend Wasser, ideal für Agrikultur. Wir fahren an riesigen Flächen von Gemüseanbau entlang und beobachten die Bauern bei ihrer oft mühsamen Arbeit. Die Felder sind klein, umringt von einem Wassergraben und sorgfältig gepflegt. Vom Hacken, Sähen, Tränken, Jäten bis zur Ernte ist alles schweisstreibende Handarbeit. So braucht es auch viele flinke Hände und Muskelkraft um den reifen China-Kohl, Kabis, Sellerie, Broccoli, die Bohnen, Erbsen, Kefen und Ginger zu ernten. Jung und Alt hilft mit, das knackig frische Gemüse in grossen Körben aus dem Acker zu tragen und am Strassenrand auf Lastwagen oder Tuck-Tuck-Traktoren mit Anhänger zu laden. Damit geht es dann ratternd in das nächste Verarbeitungszentrum zum Waschen, Putzen, Sortieren und Verpacken. Von dort aus beginnt für Kohl &Co eine weite Reise durch China und natürlich auch ins Ausland. Obschon der Verkehr hier immens höher frequentiert ist als z.B. in der Prov. Qinghai geht es in dieser Ecke Chinas recht ruhig her und zu. Ich wage es zu schreiben dass hier sogar weniger auf die Hupe gedrückt wird, Jörg würde das aber nicht bestätigen. Jedenfalls kriege ich öfters mal Vorfahrt auf der Strasse und sehe die Menschen an den wohl unmöglichsten Orten Nickerchen machen. Hunde, die sich mitten auf der Strasse in die Sonne legen werden von den Autofahrern respektvoll umfahren und nicht per Stossstangen-Druck vom Platz gewiesen.
TAI-CHI im Park
Yunnan ist auch die Heimat von Tai-Chi, den Lebensenergie orientierten, harmonischen Bewegungsabläufen mit dem Fokus auf eine tiefe Atmung und die Körpermitte. Der Tai-Chi Praktizierende bewegt sich dabei sehr langsam und bringt das Chi= Energie von aussen in sein Zentrum. Es ist leicht, frei und jeder ist herzlich willkommen sich der Gruppe anzuschliessen. Der/die Erfahrenste/r macht die Bewegungsabläufe vor und natürlich geniesse ich es, egal ob vor dem Supermarkt, im Park oder in der Hotelhalle mich den echten chinesischen „Tai-Chi-lern“ anzuschliessen und von ihnen zu lernen.
Hui-Han-und Yi
In ganz China gibt es mindestens 54 verschiedene Ethnische Minderheiten, w.z.B. die Uyguren, Mongolen, Tibeter oder die Hani, Hui, Dai, Miao, Yao, Zhuang oder Yi-Chinesen. Viele von den Hui`s, die islamischen Chinesen, aber auch Hani, Dai und Yi leben im Süden in der Provinz Yunnan. So sind die Städte und Dörfer kunterbunt gemischt, die Kleidung der Menschen verschieden und wir erfahren einmal mehr das gegensätzliche China. Erst ist es einigermassen sauber, die in Terrassen angelegten Felder ordentlich bestellt und gepflegt. Blühende Bougainvillea und gebündelte Getreidehalme in den Gärten und saubere Vorplätze. Es ist kaum Verkehr auf der Strasse, die Gegend erinnert uns an ein Seitental im Tessin und ich kann, trotz des Windes die Vögel singen hören. Die Bauern auf den Gemüse-Terrassen gönnen sich gerade eine Pause, trinken Tee, winken uns zu und es herrscht eine friedvolle Stimmung. Dann, kaum 10Km weiter liegt links und rechts von der Strasse nur noch Plastik-, Pet-, Dreck-, Abfall, Scherben, verrotteter Kompost, tote Hühner, Hundekadaver, ramponierte Velos und aufgeplatzte Autoreifen. Wilde Motorradfahrer überholen uns halsbrecherisch und schreien dabei „Hellooooooo!!“ als wären wir schwerhörig. Hupende Lastwagen drängen sich durch die verstopfte Strasse, es qualmt und raucht aus den Kaminen, den Auspuffen und den offene Feuern die am Strassenrand brennen. Verlotterte Häuser, schiefe Hütten, aufwirbelnder Staub, Männer die an der nächsten Hausmauer urinieren und scharenweise Kleinkinder die mit triefender „Schnuddernase“ im Dreck spielen. Dann plötzlich kommen wir von der engen und holperigen Landstrasse auf eine betonierte Piste auf der ein A380 landen könnte. Neue Gebäude, Hotels mit bombastischem Entre, glänzenden Autoverkaufssalon und moderne Einkaufsläden. Zu unserem Erstaunen fahren wir jetzt an verschiedene Recycling-Container und Abfall-Annahmestelle vorbei und bei mir kommt grad ein bisschen Hoffnung für Chinas Zukunft auf.
China und Umwelt
Umweltschutz sei schon ein Thema im Land, doch leider macht das Volk nicht mit und in den Schulen wird den Kindern nichts darüber gelehrt. Erst an der Universität werde das Thema aufgegriffen, so erklärt uns ein junger Biologe in gutem Englisch, leider erst dann wenn die erwachsenen Studenten sich schon an das verantwortungslose Wegwerfen gewöhnt haben. Was „Hänschen“ nicht lernt….??!! Meiner Meinung nach wäre es doch nicht so schwierig, den Kommunismus- gewöhnten Menschen ein umweltverträglicheres Abfalldenken beizubringen. Manchmal stehen Abfalleimer oder Container zu Verfügung doch leider sind diese meist übervoll oder der Müll liegt mehr um den Kübel als drin.
Wir werden von den Chinesen oft etwas verwundert beobachtet oder belächelt, wenn wir für unseren Abfall einen Kübel aufsuchen und dafür auch ein paar Meter weit gehen. Wir fragen uns derzeit wie das wohl in Zukunft weitergehen soll und ob sich die Leute nicht stören an dem Dreck? Wer genau für die schreckliche Unordnung verantwortlich ist, ist schwer zu sagen. Hui-Han oder Yi Chinesen legen scheinbar keinen Wert auf ein sauberes Milieu, fühlen sich erst richtig wohl im Dreck und kümmern sich nicht um die Zukunft. Das Land macht wirtschaftlich und industriell solche grossen Fortschritte, verwandelte sich vom Entwicklungs- in eines der produktionsstärksten Länder auf der ganzen Welt, experimentieren im Weltraum, werben mit ihren sauberen Grossstädten und bedrohen oder zerstören gleichzeitig grobfahrlässig den Lebensraum der Menschen und Tiere.
Aufgrund der zunehmenden Bevölkerungsdichte und Landwirtschaftszone wird es immer schwieriger, einen geeigneten Platz zum Campieren zu finden. Deshalb bleibt unser Zelt für längere Zeit verpackt im Sack. Auf der Suche nach einem Hotelzimmer in der Innenstadt von Jianshui machen wir mal wieder die Erfahrung dass das Teure nicht immer das Bessere sein muss. Für 200 Yuan könnten wir uns im Hotel Yung Tang mit Zigarettenlöchern, Kaugummi und undefinierbaren Flecken im Teppichboden einquartieren, doch es „mufft“ mir zu stark und das Badezimmer ist richtig schimmlig. 50 Meter weiter, an derselben Strasse quartieren wir uns in einem neuen Hotelzimmer ein und bezahlen gerade mal die Hälfte. Also Sfr.16.- für ein sauberes und helles Zimmer im Hotel Kaida ohne Raucherschäden gefällt uns schon besser. China ist wirklich immer wieder Überraschung pur.
Yunnan-Dschungel
Unser Ziel sind die über tausend Jahre alten Reisterrassen von Yuanyang und dafür strampeln wir täglich nochmals an die tausend Höhenmeter bergauf. Durch den dichten Dschungelwald führt unser heutiger Weg, die Umgebung mit orangeroter Erde, den Eukalyptusbäumen, Bambus und den feinen Gräser erscheint mir wie ein künstlich angelegter Park. Doch es ist die Mutter Natur die hier wieder einmal ein farbliches Meisterwerk vollbracht hat. Auf dem Top gibt’s eine Aussicht in die Ferne, allerdings hängt ein milchiger Schleier über den Tälern. Später erfreuen wir uns ab einer 25Km langen Abfahrt hinunter in tropisches Klima und wir lassen die warmen Kleider Schicht um Schicht in den Taschen verschwinden. Obwohl die Einfahrt vom Dorf Nansha keine guten Versprechungen macht, so finden wir im Zentrum das kürzlich neueröffnete Hotel Yuan mit blitzblanken Zimmern und allen möglichen Luxusartikeln. Nachdem wir eingecheckt und geduscht haben fühlen wir uns wie 2 kleine Könige, denn dieser Luxus kostet nur Sfr. 22.- und ist auch für uns Langzeit-Velo-Strampler erschwinglich.
Durch eine riesen grosse Bananenplantage führt die Strasse 214 tagdarauf, klettert in langen Kehren die steilen Hänge hinauf und wir schwitzen, schwitzen und schwitzen. Trotzdem dass alles klebt und feucht ist, geniesse ich die Hitze die meinen Körper wärmt. Zulange waren wir in der Kälte und jetzt werde ich endlich mal richtig aufgetaut. Zwischendurch gibt’s immer wieder eine erfrischende Pause, denn während die Männer die reifen Früchte aus den Plantagen tragen verkaufen die Frauen die Bananen und Mandarinen am Strassenrand. Ich beobachte die flinken Frauenhände bei ihrer Stickarbeit und bin fasziniert von ihren traditionellen, handgemachten Kleidern. Wir finden einmal mehr keine gemeinsame Sprache, haben aber trotzdem viel Spass zusammen. Bevor wir weiterstrampeln wird unser Rucksack nochmals mit Früchten gefüllt. Der Gestik von „Miss Mandarina“ an wird es noch einige Kilometer bergaufwärts gehen. Zwischen dem dichten Dschungel erhaschen wir immer wieder einen Blick auf das grüne Blätterdach-Tal wo die süssen Früchte wachsen. Oder Tal einwärts, wo sich die Terrassen Stufe um Stufe aufeinander reihen und Wasserbüffel die abgeernteten Reispflanzen mampfen. Nach 5 Stunden kurbeln haben wir es geschafft, sitzen zur Sonnenuntergangszeit auf der Plaza von Xinje und warten auf die goldenen Farben. Gemeinerweise schiebt sich dann aber eine grosse, schwarze Regenwolke vor die Sonne und macht die Abendstimmung unspektakulär. Pech für uns und einige andere Langnasen-Touristen. Der Ort Xinje wird im Reiseführer als „grubby“ beschrieben, wir finden dass diese Beschreibung ziemlich untertrieben ist, verziehen uns schnell ins Hotelzimmer und träumen von der gestrigen Luxus-Suite.
Bei der Hinausfahrt von Xinje muss ich meine „Scheuklappen“ noch ein bisschen enger anlegen und der viele Abfall, Dreck und Latrinengestank macht langsam auch Jörg zu schaffen. Sobald wir aus dem Dorf kommen wird die Luft aber besser und die Müllhalde verschwindet. Die Reisterrassen sind im Winter, nach der Regenzeit alle brach, d.h. Wasser liegt in den Stufen das nun im Sonnenlicht wie ein Spiegel wirkt. Während der 30 Km langen Talfahrt freuen wir uns über die faszinierenden Ausblicke und idyllischen Ecken dieses Jahrhundertalte, menschliche Wunderwerk, das in den kommenden Jahren zum Weltkulturerbe ernennt wird. Noch heute ist die Bepflanzung, Bewässerung, Ernte und die Erhaltung der 12`500 Ha grossen Hani Reis-Terrassen reine Handarbeit. Mit keiner Landwirtschafts-oder Baumaschine ist es möglich in dem extrem steilen Terrain zu arbeiten. Man sieht nicht selten Männer und Frauen mit der Schaufel und dem Karst an den Mauern reparieren, Wasserkanale öffnen oder schliessen oder die schmalen Wege zu pflegen. Die einzigen Hilfsmittel sind die Wasserbüffel, die beim Pflügen den Holzpflug durch das knietiefe Wasser ziehen.
Im Laufe des Tages kommt bei uns natürlich Hunger auf und wir wagen es, trotzdem dass das einzige Restaurant im kleinen Dorf am Fluss unten sehr schmuddelig ist, hier zu essen. Das gebrauchte Geschirr mit Essensresten türmt sich auf den Tischen, am Boden in der Küche und draussen im Garten. Der Wirt ist zugleich der Koch, die Serviertochter, Kassier und der Abräumer in dem Betrieb. Er will uns natürlich so schnell wie möglich bedienen, schiebt mit einem Arm einfach das Geschirr auf die Seite und stellt uns freundlich lächelnd einen Tee hin. Ich helfe dem armen Kerl ein bisschen mit dem Zusammenstellen der vielen Schüsseln, Platten und den vielen Töpfchen, sortiere den Abfall vom Geschirr und den Stäbli. Der Wirt/Koch bedankt sich höflich bei mir während sich draussen die Strassenkatzen über die Essensresten freuen. Einige Minuten später steht gebratener Reis mit Ei und Frühlingszwiebeln, Auberginen mit Ginger und Pilze mit grünen Bohnen auf unserem Tisch und alles schmeckt wirklich gut. Der Wirt erklärt Jörg dann mittels Strassenkarte unseren weiteren Weg und das „gewagte“ Essen gibt uns die Energie für weitere fast 1000 Höhenmeter. Erst geht’s auf und ab durch ein schmales Tal wo gerade die Bananenernte im Gange ist. Schnell marschieren Frauen und Männer mit ihren schweren Lasten, denn so ein reifer Strunk wiegt mind. 15Kilo. Wenn man bedenkt dass der Südchinese durchschnittlich ca. 155cm lang und 50Kg schwer ist, ist so ein Bananentransport schon eine beachtliche Leistung. Erst geht’s beladen auf einem schmalen Trampelpfad durch die unwegsame Plantage, dann durch den knietiefen Fluss und zum Schluss auf der anderen Talseite das steile Bord hinauf wo der Lastwagen wartet. Auch für uns geht’s wieder aufwärts, strampeln durch die Abendsonne und finden rechtzeitig bevor es dunkel wird in einem kleinen Bergdorf in einem noch einfacheren Hotel, dem einzigen, für Sfr.4.60.-ein Bett. Ich montiere meine „Scheuklappen“ wieder und schlafe erstaunlicherweise ganz gut.
Hügel rauf, Hügel runter so geht’s am anderen Tag durch dicht überwachsene Bananenhänge, die meisten der gelben Früchte sind hier schon geerntet. Wir treffen auf eine Gruppe Frauen die hier im Süden Chinas Schwerstarbeit leisten, während die Männer ihre Zeit mit „zoggen“ und Opium rauchen verbringen. Die Frauen haben es trotz des „Chrampfes“ lustig, singen und lachen über „Banana Joes“ lange Nase und helfen sich gegenseitig, die schwere Last auf den Rücken zu laden. Jörg heisst heute „Banana Joe“ weil die Frauen zuerst mir 3 Bananen schenkten und Jörg, der schweissgebadet um die Kurve kurbelt erst dann entdecken. Eine streckt mir nochmals Bananen hin und deutet auf Jörg; „Joe“! Wir lachen zusammen und haben Spass mit viel Gestikulation bis wir sehen, wie viel Kilo Bausteine sich die schmächtigen Frauen zumuten. Mit dem schweren Ballast stampfen sie dann den schmalen Weg hinauf und verschwinden im Dickicht, ich kann sie noch singen hören.
Es wären heute nur 50Km zum Strampeln bis in die nächste Stadt, doch die haben`s in sich! Die Strasse ist immer wieder infolge der Muren-Abgänge und heftigen Regenfälle vom Herbst schwer passierbar. Ganze Hänge sind in den letzten zwei Monaten ins Rutschen gekommen, Bäche haben sintflutartig die Strasse über- oder unterspült, Felsbrocken, Geröll und Wurzeln haben eine Durchfahrt blockiert. Die Strasse ist zwar wieder frei und die Räumungsarbeiten sind voll im Gange doch immer wieder geht’s über ein Stück holperiges, staubiges Provisorium. Fast unendlich schraubt sich der Weg in den Himmel hinauf, Kurve um Kurve, ich schätze bis auf 2500 Meter bestimmt.
Ungewohntes Menu-Angebot
Gegen Abend erst erreichen wir Luchun, eine laute, schmutzige und provokative Stadt. Wir haben so unsere Mühe mit einem Hotelzimmer zu finden, oft ist mir nicht ganz klar ob ich an einer Hotel-Rezeption oder einer dubiosen Massagesalon-Theke stehe. Das Restaurant in dem wir Essen ist auch komisch, in der Vitrine liegen statt Bohnen, Nüsse, Broccoli, Bambus und Ingwer Frösche, Schlangen, Käfer, Schild- und andere Kröten und Würmer. Irgendwie vergeht mir der Appetit ganz schnell und die ganze Stadt ist uns beiden nicht so richtig geheuer.
Deshalb freue ich mich schon früh am anderen Morgen hier auszuziehen und durch den wilden Dschungel zu fahren. Die frische Luft vertreibt dann schnell den Graus des gestrigen Abends, sobald die Häuser verschwinden wird auch die Umgebung sauber und ich kann die Singvögel pfeifen hören. Der südliche Teil der Provinz Yunnan ist wirklich noch intakte Dschungelwildnis und abgesehen von den schmutzigen Städten, sogar ein echtes Velofahr-Paradies. Täglich gibt`s für uns neue Bäume, Pflanzen und Gräser zu entdecken, wie .z.B. heute Kautschuk- und Weihnachtssternenbäume. Daneben gibt es jeden Tag mehr als tausend Höhenmeter zum kurbeln, tolle Aussichten in die Weite, wenig Verkehr auf guten Strassen, freundlich winkende Menschen, angenehmes Klima und lange, rasante Talfahrten. Nachdem wir heute ein Nebelmeer bestaunt haben sind wir eingetaucht in die weisse Wolkendecke und rollen dem Fluss entlang durch den Wald indem dem Kautschukbaum der Saft abgezapft wird. Die Flüssigkeit wird dann später zum weissen Gummiklumpen und mittels einer Walze zu grossen Matten ausgewallt. Kautschuk findet man heute weltweit in Matratzen, in der Raumfahrt und wird zur Herstellung und Anpassung von Prothesen verwendet. Dann, später im Nachmittag kurbeln wir wieder auf über 1500Meter und sehen Teeplantagen in der Abendsonne glänzen. Todmüde fallen wir nach rund 8 Stunden strampeln ins Bett und schlafen wie „Herrgöttli“ in einer Stadt deren Namen wir mal wieder nicht kennen.
Die unbekannte Stadt heisst Jangcheng, so wie ich bei der Hinausfahrt am Morgen lese. Es ist nicht immer einfach die Orientierung zu haben. Jörg ist doch schon richtig spezialisiert um die Chinesische Schrift auf den Infotafeln und denen in unserer Strassenkarte zu vergleichen. Für mich sehen die Zeichen alle gleich aus und die Namen aussprechen kann ich sowieso nicht. Da nützt auch kein Reisschnaps, den wir heute noch und noch angeboten kriegen. Auf der Suche nach einem Hotelzimmer landen wir nämlich in einer lustigen Gruppe von Beamten und Lehrkräften die sich bei Speis und Trank laut amüsieren. Schnell stellt die Wirtin noch zwei Stühle an den Tisch und gestikuliert uns, mit ihnen zu essen. Die Speisen auf dem Tisch sind Optisch gesehen nicht gerade appetitanregend, es gibt frittierte Bambus-Raupen, gekochte Hühnerfüsse, ein Entenkopf schwimmt oben auf der Suppe drauf und so einiges Kurioses von dem wir nur erahnen können was es ist und ich eine Gänsehaut kriege. Wir wollen nicht unanständig sein und setzen uns dazu. Schnell wird uns Reisschnaps eingeschenkt und mit einem lauten „gambe“ verschwindet das 42% Wässerchen in den Kehlen der umliegenden Gäste. Brrrr, mich graust nur wenn ich daran denke, das Zeug ist so stark, mich haut fast um desshalb schiebe ich jeden weiteren Schnaps Jörg zu. Der hat dann mit den seinen und meinen Gläser ziemlich viel zu schlucken und nach 2 Stunden bugsiere ich den armen Tropf total besoffen die lange Treppe hoch ins Bett. Die Chinesen festen noch lange weiter, ich höre im Halbschlaf immer wieder „gambe“ und nun wissen wir, dass die Yunnan-Hani-Chinesen trinkfester sind als die Solothurner. Der Schädel brummt einem nach einer Reisschnaps Party enorm, das merkt der katergeschädigte Jörg den ganzen Tag. Gemeinerweise geht’s heute wieder zünftig bergaufwärts auf über 1000Meter und dies gleich zweimal bei Temperaturen um die 30°. Nach rund 5 Stunden ist der Alkohol aber rausgeschwitzt und wir beide freuen uns auf einen feinen Znacht in Puershi.
Wiedersehen macht Freude
Da strampeln wir doch nichtsahnend auf der Strasse 213 südwärts und hören auf einmal: „isch abe gewusst dass seid ihr zwei!“ Sara und Jose aus der Westschweiz haben wir vor 5 Monaten in Usbekistan getroffen und nun kreuzen sich unsere Wege noch einmal.www.monblog.ch/saraetjose
Wir sprudeln nur so von Freude, Überraschung und Euphorie am Strassenrand sodass wir die Zeit total vergessen. Irgendwann im Laufe des Morgens kommt da noch ein Schweizer um die Kurve gestrampelt, Jürg aus Zürich gesellt sich zu uns; „Scho wieder so än helvetischä Strampler“.
Zu Fünft radeln wir später durch die Gegend die wir vor lauter Aufregung, Erzählungen und Lachen kaum wahrnehmen können. Es macht Spass mal wieder in einer Gruppe unterwegs zu sein und so ein Schweizer Velokonvoi macht auch Eindruck bei den Einheimischen. Nach nur 50km machen wir Mittagspause und bleiben auf denselben Stühlen sitzen bis die Sonne untergeht. Nicht dass die Sitzgelegenheit so bequem wäre, nein es sind die spannenden Geschichten von Sara und Jose, die Erzählungen von Jürg und das Schnattern in unserer Muttersprache die uns nicht mehr aufbrechen lassen.

Kurz vor der Grenze zu Laos trennen sich unsere Wege wieder sara und Jose fahren links, wir Drei sausen hinunter ins touristische Jinghong wo es alles Mögliche gibt was Langnasen mögen und wünschen. Wir geniessen ein paar Tage Cappuccino, American-Breakfast und ein sauberes, ruhiges Hotelzimmer bevor wir uns nach Laos aufmachen. 

zurck   zur Galerie
created by peebee