Ein grosser Traum - Eine Weltreise mit dem Velo

Wonnemonat Mai(20.05.2012)

Land: Malselv/Norwegen

 

Nordnorge im Wonnemonat Mai


 

Wir alle wissen, je höher wir uns befinden, vertikal oder lateral gesehen desto länger muss man auf den Frühling warten.  In der Schweiz, die auf dem 46. Breitengrad liegt beginnt meiner Erinnerung nach der Frühling so +/- Ende März. Dann nämlich werden die Tage merklich länger und die immer wärmeren Sonnenstrahlen tauen die im Winter gefrorene Erde wieder auf.  Nach dem Frost und dem ersten ergiebigen Regen beginnt das Leben in der Natur erneut. Doch erfahrungsgemäss kann man sich nicht mehr so ganz auf ein pünktliches Frühlingserwachen verlassen, zu viel haben wir Menschen mit unserem rücksichtslosen Verhalten der Natur gegenüber in den Rhythmus der Erde eingegriffen. Doch darf man in der Schweiz  immer noch hoffen, dass  gegen Mitte April die Wiesen dann grün sind und an den Bäumen und Sträuchern Knospen, Blätter oder sogar schon Blüten wachsen. Ende April bis Mitte Mai füllt sich die Luft in ländlichen Gegenden mit herrlichem Blütenduft, die Bienen kommen zum Einsatz, summen von einem Blümchen zum anderen, bestäuben die Stempel und sammeln emsig den Blütenstaub. Der Mensch freut sich über den Neubeginn in der Natur, ist unternehmungslustig und motiviert sich im Freien zu bewegen. Unter der kurzen Hose oder dem T-Shirt-Ärmel sind die ersten Anzeichen eines Sonnenbrands zu entdecken, die Badi wird eröffnet und manchmal wagt man sich sogar schon zum Baden in den See.  In den Läden gibt’s Sonnencreme, Sonnenschirme, Liegestühle, Schwimmringe und die neuste Bademode zukaufen.


 

24-Stunden Tageslicht


 

Nicht so auf 69°30`nord in Norwegen!! Hier muss man sich den Frühling mit langer Wartezeit erst mal verdienen und einen  richtigen „Frühling“- wie wir ihn verstehen findet hier oben gar nicht statt.  Jetzt verstehe ich auch gut warum die Nordnorweger um diese Jahreszeit „sorover reise“ nämlich in den Süden reisen. Obschon es seit  Mitte April nicht mehr dunkel  wird, die Fotosynthese also eine 24-stündige Wirkung hätte, bleibt es in der Umgebung weiss-grau-braun. Hat man dann doch einen kleinen Anflug  von Veränderung in der Natur entdeckt, und hofft auf wärmere Zeiten,  so wird einem diese Hoffnung und Freude bestimmt am nächsten Tag mit 10-20cm Neuschnee zunichte gemacht.  Am 1.Mai schneit es dicke Flocken, die zwar am Boden bald wieder vergehen und den schmutzigen alten Schnee kaum abdecken,  einem jedoch weit weg vom Gedanken an Mai bringt. Der Tag hat aber einen erfreulichen Ausgang, wir bekommen Besuch aus der Schweiz. Anita und Roger kommen mit ihrem Mietauto aus Tromso und logieren im Nachbarhaus, im Hotel Bardufoss. Wir freuen uns über einen gemütlichen Abend, plaudern über vergangene Tage im Plus Sport und unserer Erlebnisse auf Reisen und im Norden.  Zum Muttertag gibt’s dann sagenhafte 15cm Neuschnee und richtigen Schneesturm und dazwischen sonnige Aufhellungen. Meine Mam, die uns derzeit  besucht  baut sogar einen Schneemann, am Abend ist von dem armen Kerl allerdings nicht mehr viel übrig. Wir besuchen an diesem Mai-Wintertag  „Salt &Pepper“ die zwei Bärenkinder im Polar Zoo. Die Braunbär-Geschwister, Salt heisst der Albino, Pepper der braune sind mittlerweile schon 3 Jahre alt und machen einem schon etwas weiche Knie wenn sie brummend auf einem zu zotteln. Es gibt an diesem Nachmittag kleine Snacks, Rüebli, Bananen, Auberginen, Äpfel und Birnen und alles verschwindet schnell in den Bärenmagen. Der Moschus-Ochse empfängt uns nur grimmig, dem ist`s wohl auch zu kalt. der Lux thront königlich auf seinem Baum und frisst gierig das blutige Fleisch das ihm der Wärter zuwirft. Dafür sind die Wölfe und der Vielfrass „purli-munter“ und empfangen uns mit viel Spektakel. Der Wolverin = Vielfrass, so sagt uns der Wärter sei ein Allesfresser, was in sein Gehege kommt verschwindet auf nimmer wiedersehen in seinem Magen. Und der Polarfuchs hat sein weisses Gewand bis zum Muttertag noch behalten, demnach ist der Frühling noch weit entfernt!! Es bleibt die ganze Woche winterlich kalt sodass sich meine Mutter  wohl ernsthaft fragt, weshalb wir gerade Nordnorwegen als unsere provisorische Destination gewählt haben. Und diese Frage stelle ich mir auch ab und zu, speziell dann, wenn der Wetterbericht des Schweizer Radios DRS3 sommerliche 25-28° und Sonnenschein verspricht, ich aber vom Stubenfenster aus Schneeflocken tanzen sehe. Ich denke dass das Klima hier in Malselv-Tal vielleicht speziell rau sei und mache zusammen mit meiner Mutter einen Ausflug nach Senja, ans offene Meer. Hier bläst uns ein eisigkalter Wind der Sturmstärke 5 beinahe vom Ufer, über Hamn liegt eine grau-schwarze Wolkendecke aus der es bald darauf zu regnen beginnt. Die Wirtin hat Erbarmen mit uns, bittet uns in das Restaurant das an dem Tag geschlossen wäre und serviert uns sogar noch einen Kaffee. Mit zerzauster Frisur kommen wir später wieder nach Bardufoss wo uns dann die Sonne ein paar einzelne Strahlen gönnt. 


 

Der Tag des Abschiedes zeigt sich nach längerer Schlechtwetterphase endlich freundlich. Jörg bringt seine Schwiegermutter auf den Flughafen und versichert sich dass sie dort rechtzeitig ankommt, während ich mal wieder arbeiten gehen muss. Als das Flugzeug abhebt ist der Himmel wolkenlos und so bleibt es für die nächsten Tage. Das Thermometer klettert und klettert, sodass  ich am 16.Mai sogar nur mit T-Shirt und einer ¾ Hose auf dem Velo strample. So strahlend zeigt sich das Wetter dann auch am Norwegischen Unabhängigkeitstag, dem 17.Mai. Zur Feier des Tages startet ein Umzug auf der E6 von Andselv bis zum Polarbad, Frauen, Männer und Kinder in ihren traditionellen „Bunat“ der norwegischen Tracht marschieren hinter der Marschmusik her und schwenken die rot-blau-weisse Fahne. Beim Oberst Reistad –Monument stoppt die ganze Karawane und dem engagierten Militärchef von anno 1943 wird eine Dankensrede gehalten.  Dann ist`s aber bald vorbei mit Historie, in der Bardufosshalle gibt’s Kaffee und Kuchen, „Polse og Is“ so viel man in sich hineinstopfen kann.


 

Frühlings-Wellness-Event


 

So richtig Frühling will es aber trotzdem nicht werden auch die zweite Hälfte des Mai`s zeigt sich von der trüben und nassen Seite.  Um endlich den Frühling heraufbeschwören zu können, organisieren wir im Polarbad einen „var-Damenes-aften“ und wahrhaftig, an diesem 23.Mai messen wir stolze 18° und die Sonne lacht 24Stunden vom Polarhimmel. 55 Damen vergnügen sich an diesem Frühlingstag im Bad, üben sich nach meiner Anleitung im Therapiebassin in Fussreflexzonen-Selbstmassage, gönnen sich eine Thai-Massage bei Theema, informieren sich über Aloe-Vera Produkte, sehen einer Akkupunkturbehandlung zu, hören eher skeptisch einer Dame zu die eine Faltenglatt-maschine vorführt,  beraten sich in Farbe und Styl oder staunen über die neuste Sommermode von „lille Paris“ oder „Randi`s Modefashon“. Aus dem Polarbad-Kaffe werden knackige Salate und spritzige Weine serviert und  das Badeland verzaubert sich an diesem Abend in einen blumenprächtigen Spa. Es war viel Arbeit für Heidi, die Aktivitätsleiterin, Karin-Elisabeth verantwortlich für das Kulinarische, Siri die immer aufgestellte Receptionistin und für mich als Instruktorin und die der die Idee Mode Show und Wellness an diesem Frühlings-Abend zu kombinieren in den Sinn gekommen ist. Die Arbeit hat sich aber gelohnt, fröhliche und zufriedene Damen und eine feierliche Stimmung gaben uns allen Bestätigung einen guten Job getan zu haben und einen positiven Schluss in der Tages-Abrechnung erfreute sogar unseren Chef.


 

Schmetterling im Winterland


 

Der Kalender zeigt heute den 31.Mai, es ist taghell draussen obschon es schon nach Mitternacht ist, also verweilen wir schon in der ersten Stunde im Juni. Doch immer noch sind die Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und täglich tanzen Schneeflocken durch die Luft. In der Arktis will und will es nicht Frühling werden, zwar sieht man Knospen und teilweise auch schon kleine Blätter treiben und die Wiese vor unserem Haus ist nun grün, doch mir fehlt es enorm an Farben und Wärme. Ich kleide mich schon ganz „papageienhaft“ die knalligen Farben, orange-gelb- rot-pink und lila verschönern mir den Tag und die Leute freuen sich über mein Outfit. Jörg ist da weniger einverstanden, er meint ich sähe aus wie ein Schmetterling…… bin ich ja auch ein bisschen, ein Schmetterling im Winterland oder? Ab und zu kann man schon Autos mit ausländischen Kennzeichen auf der E6 sehen, heute z.B. ein Urner VW-Bus mit jungen fröhlichen Insassen. Ich habe ihnen strahlend zugewinkt und sie taten es auch, dabei denke ich gerade an die ersten Tage als wir in Skandinavien ankamen. Wie alles neu für uns war und wir bis heute die Hoffnung auf Wärme nicht aufgegeben haben. Hier versorgt man nämlich Kappen und Handschuhe nicht im Frühling, denn der findet hier ja gar nicht statt. Die drei Urner haben wohl auch mit besserem Wetter gerechnet den alle samt hatten Wollkappen auf dem Kopf.


 

Tulpen im Juni


 

Ich habe mich gestern bei einer alteingesessenen Frau erkundigt wann es denn hier Sommer werde; „Wenn die Tulpen blühen, dann ist es Sommer!“- sagt sie mir als wäre es das normalste auf der Welt. O.k. so warte ich weiterhin auf die Tulpen und den langersehnten Sommer. Jeanette, eine Freundin von mir hat mir vollen Ernstes vorgeschwärmt dass es im Malselvtal gut mal bis zu 30° warm werden kann! „Haaaaa, wenn ich hier oben + 30° erlebe dann offeriere ich eine Flasche vom feinsten Champagner den wir hier oben kriegen!!!!“ Optimistisch wie ich von Haus aus eigentlich bin steht die Flasche seit gestern in unserem Kühlschrank….und nun warte ich auf das der Champagner-Korken knallt……….!!!


 

Sankt Hans oder die Sonnenwende


 

Juni haben wir schon eine ganze Weile, das Thermometer hat allerdings die + 20° Marke noch nicht geknackt. Der Champagner steht also noch verkorkt im Kühlschrank. Doch wir sind schon ganz zufrieden da es ja schliesslich seit bald 30 Tagen nicht mehr geschneit hat!! Wenn es schönes Wetter ist dann wiederstrahlt die Sonne das satte Grün in der Natur enorm. Wenn es regnet so wird die Farbe aufgefrischt und alle Blätter, Sträucher, Gräser und Halme blitzblank gewaschen. Die Vegetation wuchert förmlich bei diesem Klima, die Rasenmäher rattern fast ununterbrochen, die skandinavische Luft mischt sich mit Grillrauch-Geschmack und Mückenspray. Ja, Mückenspray ist etwas dass wir ab der Sonnenwende immer in unserem Hosensack dabei haben, denn ohne diesen sieht man hier oben schon nach kurzer Zeit in der Natur aus wie ein Streuselkuchen. Wir kennen ja die blutrünstigen Tierchen schon von Kanada, Alaska und Finnland, diese hier sind aber noch etwas gemeiner, denn man kann sie nicht hören und sieht sie kaum!- Oh, -Wilma, Muskol, Kick, Anti-brummm, Teebaumöl, Altan und Off sei Dank dass unsere Steifzüge durch die wunderschöne arktische Natur überhaupt möglich sind. ( Anti-Mückenmittel aus aller Welt)


 

21. Juni- Midtnattsol- Sankt-Hans oder der Namenstag von Johannes der Täufer- Ab nun geht in Nordnorwegen gar nichts mehr, die Schulen und öffentlichen Ämter sind alle bis zum 22. August geschlossen. Die Norweger ziehen mit Sack und Pack in ihre Fjell-hütte oder ins Strandhaus. Die gewerbliche Baubranche liegt brach, die Hobby-Handwerker haben Hoch-Konjuktur. In den Hütten und Ferien-Häusern wird rund um die Uhr gesägt, gehämmert, gemalt und verschönert was einen Push-up nötig hat. Bald werden unsere Velos und Campingausrüstung hier in Bardufoss ankommen und dann sind wir beide nicht mehr zu bremsen! 24Stunden Tageslicht, jede Menge ruhige Nebenstrassen, unendliche Wälder, weite Tundra, eiskalte Flüsse, verträumte Seen, stahlblaue Fjorde und immer wieder mal ein Aufstieg um die Aussicht zu geniessen. Wir machen keine Sommerferien, gönnen uns aber ab und zu ein paar Tage Vagabundenleben, träumen von vergangenen Erlebnissen und unendlicher Freiheit. 


 

  


 

 


 

 


 

     


 

     


 

       


 

      


 

  


 

 
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