Ein grosser Traum - Eine Weltreise mit dem Velo

Vorbereitungszeit

Jahr 2005

Anfangs 2005 fanden wir es an der Zeit, unsere Eltern und Geschwister über unsere Pläne zu informieren. Meine Mam hat fast einen Anfall gekriegt ('Seit ihr doch erst mit grossem Glück dem Tsunami entkommen, und schon wieder habt ihr solche riskante Ideen?').

Ja, wir hatten bis jetzt wirklich das Glück auf unserer Seite und wir vertrauen auch weiterhin auf unseren Schutzengel.

Oftmals, wenn wir unseren Freunden und Bekannten gesagt haben, dass wir eine längere Veloreise machen wollen, kam sofort die Frage: "Wie lange? Wohin?"

Diese Fragen stellten sich uns auch. Nur haben wir noch keine Antwort gefunden. Das höchste Ziel wäre natürlich eine Weltumradelung. Ob wir das schaffen werden, steht in den Sternen.

März 2005 (noch 12 Monate Zeit)

Da wir nur Hobbybiker waren, hatten wir velotechnisch praktisch keine Erfahrungen. Also mussten wir uns Infos beschaffen. Zeitschriften, Bücher und Websites leisten da gute Dienste. Für uns war klar, dass wir zwei gleiche Velos kaufen würden, damit wir das gleiche Werkzeug und die gleichen Ersatzteile verwenden können.

In einer Zeitschrift las ich einen Bericht über Papalagi, der im 2005 sein 20ig jähriges Jubiläum feierte. Der Name des Velos sprach mich sofort an, da ich das gleichnamige Buch gelesen hatte. Aber trotzdem testeten wir verschiedene Velomarken und Velohändler. In St. Gallen stiessen wir auf ein Fachgeschäft mit sehr guter Beratung und wie es sich herausstellte, auch mit einem guten Service (Velo Studerus).

Nach der Testphase verschiedener Velos blieben wir bei Papalagi hängen. Ob es die richtige Entscheidung war, wird sich zeigen.

Ein weiteres Thema war die Bekleidung. Aus unserer Hobbybikerzeit konnten wir diesbezüglich ein paar Erfahrungen sammeln. Die Angebote für Velobekleidung sind sehr vielfältig. Tipp: Bei einem Fachhändler, dessen Verkäufer selbst auch Velotouren machen, erhält man gute Erfahrungstipps.

Da wir velomässig eher Schattenparkierer oder Beckenrandschwimmer sind, hatten wir punkto Regenbekleidung noch keine Erfahrungen gemacht.

Also nichts wie los und unsere alte Regenhose und Regenjacke bei rechtem 'Schiffwetter' testen. An Pfingsten 05 waren die Voraussetzungen gegeben und es wurde getestet. Was dabei rauskam war tumbler-reif. Wir waren innerhalb kurzer Zeit bis auf die Haut pflutschnass. Also da musste was anderes her. Eine Gore-Tex-Regenbekleidung macht im Regen einen besseren Eindruck.

Juni 2005 (noch 9 Monate)

Im Juni übten wir uns mit einer Mini-Velotour von Romanshorn bis Basel, bei Sonnenschein wohlverstanden, mit Zelt und Gepäck für die nächsten 3 Tage. Da unsere Trekkingbikes noch nicht da waren, mieteten wir einen BOB YAK-Veloanhänger für mein altes Mountinbike. Und schon konnte es losgehen. Es war eine schöne Tour, die uns wieder einige Inputs für unsere grosse Reise gab. Die grosse Ungewissheit, ob wir alles, was wir mitnehmen wollen, auf unsere Velos packen können, wird sich erst in Vancouver zeigen.

Juli 2005 (noch 8 Monate)

ImpfungIm Juli war im Planungszentrum mehrheitlich Denksport und Routendefinierung an der Tagesordnung. Der Denksport zog sich natürlich über die ganze Planungsphase hin. Die Inputs holte ich mir aus Büchern und Internetseiten von Veloreisenden (s. Literatur). Das Impfen 1. Stufe haben wir beide auch schon mal überstanden. Rahel reagierte mir viel Pickeln und bekämpfte diese mit Spagirikspray.

August 2005 (noch 7 Monate)

Ausgerüstet mit Gore-Tex-Regenbekleidung vom Feinsten testet Jürg die Ware genau an dem Sonntag, als fast die ganze Schweiz im Regen zu ertrinken schien. Die Jacke und Hose waren zwar dicht, aber der Feuchtigkeitstransport von innen nach aussen war zu gering, do dass die Jacke auf der Innenseite feucht war. Der Hersteller meinte, dass bei solchen Regenmengen der Feuchtigkeitstransport beeinträchtigt werde. Nach dem Motto: Auch das beste Material hat seine Grenzen. 'Bei solchem Regenvolumen bleibe ich lieber zu Hause oder eben dann auf unserer Reise im Zelt', war Rahels trockener Kommentar dazu.

Die zweite Stufe der Impfwelle war auch noch angesagt und die war nicht mehr so schlimm zum Verdauen.

September (nor 6 Monate)

Rahel auf ihrem PapalagiDas Velo von Rahel ist bereit für die Jungfernfahrt - das Trampeln geht fast von selbst, wirklich!! Rahel fühlt sich wohl auf den zwei Rädern, die sie um die Welt rollen werden. Rahel hatte mal wieder das Glück für sich gepachtet. Obwohl ich mir mehr Gedanken über die Auswahl des richtigen Velos machte als Rahel, bekam sie natürlich ihr Velo zuerst.

Meine Rahmengrösse war leider schon ausverkauft. Anfangs war noch nicht sicher, ob eine zweite Serie im 2005 produziert wird. Dank der grossen Nachfrage wurde noch eine Serie produziert, die ca. Anfangs November geliefert werden sollte. Also hiess es warten. Wir hatten ja glücklicherweise noch genügend Zeit.

Oktober 2005 (noch 5 Monate)

Wir waren gespannt auf das zweite Velo und besuchten den Diavortrag von Luciano und Verena Lepre, einem Ehepaar, welches 8 Jahre mit dem Velo unterwegs war. Der Vortrag war sehr spannend und zeigte auch wunderschöne Fotos. Uns machte dieser Vortrag Mut und unser Reisefieber stieg wieder einmal fast in den roten Bereich.

Die Kündigung der Arbeitsstelle war fällig. Nun gab es kein zurück mehr. Langsam wurde auch die Dachterrasse geräumt. Das hiess Abschied nehmen von unseren verschiedenen Bäumen und Sträuchern. Unser Nektarienbaum fand seine neue Heimat in Hallau bei meiner Schwiegermutter, damit sie nich vergisst, war für ein Früchtchen sie als Schwiegersohn hat. Unsere Reben exportierten wir zu unseren Freunden Franz und Ellen Sutter nach Gonten. Mögen die Reben sie an unsere schönen gemeinsamen Zeiten erinnern (z.B. Novi Liguri, Porlezza usw.).

November 2005 (noch 4 Monate)

Papalagi JoergEndlich, Jürgs Velo ist eingetroffen und er testet das harmonische Pedalen ausgiebig an seinem Geburtstag. Es war die Geburtstagsüberraschung. Ich hatte da so eine Vorahnung. Als ich Rahel fragte, wann wohl mein Velo endlich geliefert werde und sie mich so anschaute, wusste ich, dass ich mein Velo zum Geburtstag bekomme.

Zudem buchten wir noch unseren Flug nach Vancouver.
Das Reisebüro hat uns empfohlen, das Visum für die USA in der Schweiz zu beantragen. Ich hatte mir überlegt, das Visum in Kanada zu beantragen, weil ich dann bessere Angaben über das Ein- und Ausreisedatum machen kann.

Dezember 2005 (noch 3 Monate)

Im lezten Monat im 2005 haben wir uns mehr Ruhe gegönnt. Die letzten Ferien zu Hause vor unserer Reise verbrachten wir mit Freunde besuchen, Informationen für unsere Homepage zusammentragen und Weihnachten feiern.

Der Monat Dezember war auch der Monat der Kündigungen. Wohnung, Versicherungen, Telefonanschlüsse usw. mussten gekündigt werden.

Claudia, unser BackofficeDie Bemühungen für ein USA-Visum nahmen konkrete Formen an. Da wir mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht in 6 Monaten durch Amerika pedalen können, beantragten wir bei der US Embassy in Bern vorsichtshalber ein Visum für 9 Monate.

Meine Schwester Claudia und ich machten uns konkrete Gedanken, wie unser Backoffice bei ihr aussehen sollte. Was braucht sie alles für Unterlagen, Daten, Vollmachten, Testament usw. (siehe auch 'Woran man denken muss).

Januar 2006 (noch 2 Monate)

Nachdem wir alle verlangten Daten für den USA-Visumsantrag zusammengetragen hatten, den Antrag im Internet ausgefüllt und endlich im Besitz eines Antrages mit Barcode waren, durften wir telefonisch einen Termin beantragen. Wir bekamen einen Termin am 24.1.06. Es wurde uns am Telefon mitgeteilt, dass wir keine Handys, Rucksäcke, Laptops und Taschen dabei haben dürfen. Ausserdem seien die Unterlagen in einer durchsichtigen Mappe mitzubringen. Es war mir zuvorderst auf der Zunge zu fragen, ob wir nicht gleich nackt antreten sollen.

Wir waren gespannt wie ein Geigenbogen, wie die Visumsgeschichte ausgehen würde. Uns kamen die verschiedensten Erfahrungen und Erlebnisse anderer USA-Reisender zu Ohren.

Ich war mir unsicher, ob unser Antrag für ein Visum genügen würde. Konnte ich doch nicht alle Punkte ausfüllen. Es war uns nicht möglich, ein genaues Einreise- und Ausreisedatum zu nennen. Auch die Route war nicht klar. Wo wir nach der Reise arbeiten würden, wissen wir auch nicht.

Der 24. Januar kam und wir waren unterwegs zur Botschaft. Ungefähr 50m vor der Botschaft war die Strasse gesperrt und es standen eine Menge Polizisten herum. Erster Gedanke: 'Wie im Krieg'. So durften wir uns bei der Visasektion in die Reihe stellen und warten. Mit der Zeit kam eine Frau, sammelte die Anträge ein und verteilte Nummernschilder. Mit den Nummerschildern wurden wir nacheinander, unter strenger Kontrolle mit Detektoren, in den Warteraum der Botschaft gelassen. Nach einer weiteren Wartephase wurden wir an einen Schalter gerufen. Am Schalter fand ein erstes Vorgespräch statt. Die Frau am Schalter meinte, dass die spärlichen Informationen über den Reiseverlauf und mein Foto, welches nicht direkt von vorne war, zu Beanstandungen führen könne.

Und wieder war warten angesagt. Ein zweiter Aufruf brachte uns schliesslich zum Visumsbeamten. Er hatte so seine Mühe mit den 9 Monaten. Als wir ihm erklärten, dass wir die Reise mit dem Velo machen wollen, gingen bei ihm die Läden runter. Er dachte sicher, die spinnen, die Schweizer. Nach einigem hin und her wurde Rahels Antrag angenommen. Meiner wurde jedoch zurückgewiesen, weil das Foto nicht von vorne war. Also ging es gleich zum nächsten Fotoautomaten, um ein Foto von vorne zu schiessen. Jetzt konnte der Pass mit dem Foto wieder zur Botschaft geschickt werden.

Sie können sich vorstellen, welche Freude bei uns herrschte, als eine Woche später die Pässe mit den Visas in unserem Briefkasten waren. 'Freude herrscht', wie ein bekannter Schweizer zu sagen pflegte.

Der negative Punkt war jedoch, dass die USA uns leider nur 6 Monate Asyl geben.

Februar 2006 (noch 1 Monat)

Die dritte und letzte Impfwelle wäre fällig. Unser letzter Termin msuste jedoch auf den 16. März verschoben werden. Bei der Impungsgeschichte istwichtig, dass man sicher genügend Zeit einplant. Hat man die Entscheidung zu einer solchen Reise gefasst, ist einer der ersten Schritte der zum Impfinstitut (siehe Impfungen).

Unsere Wohnung verändert sich langsam in einen Lagerraum. Überall stehen Bananenschachteln zum Füllen bereit. Unsere Papalagis gehen zu einem letzten Update in die Werkstatt. Bei Rahel wurde noch das gleiche Tretlager wie bei mir montiert.

Wir entschieden uns fürdie Fahrradtaschen, das Werkzeug, den Computer und die Bidonhalter hier zu kaufen (siehe Ausrüstung / Veloausrüstung). Als das Material da war, konnten wir montieren und anpassen. Es gibt immer Dinge, die nicht ganz passen und angepasst werden müssen.

März 2006 (noch 2-3 Wochen)

Der März hatte es in sich! Es war unser letzter Monat in der Schweiz. Der Umzug, die vollbepackten Fahrten zur Tonhub und die Wohnungsabgabe, die noch zu bewaeltigen waren. Verschiedene Abschiedsmoment, die nicht immer leicht waren, zeigten uns einmal mehr viel viele tolle Menschen wir in unserem Freundes- und Bekanntenkreis hatten.

Der lange und kalte Winter macht uns langsam ein bisschen nervös. Wir haben immer noch ein gutes Stück Dachterrasse zu entsorgen. Die Kisten, die wir mit Erde gefüllt haben, sind immer noch gefroren.

Dachterrasse im SchneeAls dann am 4. und 5. März noch der grosse Schnee kam, was für Romanshorn um diese Jahreszeit die Ausnahme ist, waren wir wirklich ein bisschen down. Als wir dann anfingen, die Wohnung zu räumen, stieg die Stimmung rasch wieder an. Was sich da so ansammelt über die Jahre ist immer wieder erstaunlich. Am 15. März konnten wir dann auch unsere grossen Zimmerpflanzen zu Rolf und Maja ins Asyl bringen. Wir hoffen, die beiden inklusive Sissi (die schoene Katze) werden Freude an den Pflanzen haben. So haben wir neben dem elektronischen auch einen biologischen Draht zueinander.

Die genaue Planung der 'Zügelaktion' und die Wohnungsabgabe standen am 18.19. und 25./26.März im Vordergrund. Die erste Fuhr mit Garten- und Terassenutensilien nach Selzach und Bolligen, die zweite Fuhr nach Selzach mit dem Rest der Wohnung was noch nicht in der Tonhub (Oberthurgauer Abfalldepomie) war. Der Gipfel des Krampfes war, dass wir beide von der Impfung gegen Tollwut nicht eben arbeitswuetig waren, sondern eher angeschlagen, fiebrig und erschoepft. Und das in einer Zeit die viel Muskelkraft und Koordinationfaehigkeit benoetigte!!!!! Dank Stefan Bruderer, der unseren Umzug managte und uns immer wieder moralisch aufgebaut hat, hatten wir es dann trotzdem noch geschafft. An dieser Stelle nochmals vielen herzlichen Dank an unseren langjaehrigen Freund, Kumpel und Retter in der Not.

Ihr wisst alle dass auf die Schlepperei und Kisten-Schachtel aufeinanderstapelei dann noch die verflixte Putzlumpen Party folgt. Dank vielen flinken, helfenden Haenden von Mam und Fritz und Hedi und Marlene haben wir es zu guter letzt doch noch geschafft, die Wohnung fast Termingerecht abzugeben. Vielen Dank euch allen fuer eure Hilfe die uns wie eine Erloesung erschien. 

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